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Werwoelfin: Stadtwolf Eigenwerk
von Ahnengalerie aus der Kategorie Geschichte - Spezielle Themen

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Texte -> Geschichten
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Erstellt:    25.01.2005 00:00
Geändert: 28.07.2008 20:46
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Die Straßenbeleuchtung ist schon wieder defekt. Meine Hand umklammert unwillkürlich die Tränengasflasche in der Jackentasche. Wenn sie heute abend wieder auftauchen, werde ich vorbereitet sein. Nur noch hundert Schritte durch diese nach Pisse stinkende Gasse... 99... 98... und ich habe den sicheren Hauseingang erreicht.
War da nicht ein Rascheln? Dort, auf der anderen Straßenseite! Schleicht sich da jemand an? Wer, was ist es? Verdammt, wenn es nur nicht so dunkel wäre!
Es dauert eine Weile, bis meine Augen die Finsternis durchdringen können. Ja, undeutlich sind jetzt Umrisse zu erkennen...
Es ist nur ein Hund. Ein großer Schäferhund, der mir wachsam seinen Kopf zuwendet. Wahrscheinlich hab ich ihn bei seiner Futtersuche aufgeschreckt.
Ich muß lachen. All die Aufregung wegen eines...
Und doch... irgendwas ist seltsam. Dieses Tier benimmt sich so anders als jeder Straßenköter, den ich je gesehen habe, viel... hoheitsvoller, selbstbewußter.
Wie ein Lufthauch an einem heißen Tag scheint eine Ahnung von Wildnis durch die Straße zu wehen. Dieser „Hund“ gehört nicht hierher, ich spüre es genau. Normalerweise müßte ich mich jetzt umdrehen und weites, offenes Land sehen, kein Haus, keinen Weg, wo er es eigentlich gewohnt ist, zu laufen, seine Heimat.
Die eng stehenden Häuser scheinen zu ächzen, als ob seine bloße Anwesenheit sie sprengen wollte. Was tust du bloß hier?
Ein Auto rast vorbei, in dem Scheinwerferlicht glühen kurz ein Paar gelbe Augen auf. Gelbe Augen? Aber schneller, als ich begreifen kann, ist das Tier wieder lautlos verschwunden, als wäre es nie dagewesen. Die Straße sieht wieder genauso aus wie vor ein paar Sekunden. Hab ich es wirklich erlebt oder nur geträumt?

Er wich in den Schatten zurück und witterte mißtrauisch in die Richtung, wo das Menschenweibchen stand.
Etwas war seltsam, er spürte es genau. Schon oft war er gesehen worden- aber sie hatte ihn in irgendeiner Art erkannt!
Menschen waren wirklich unberechenbar. Wie hatte er auch nur so unvorsichtig sein können?
Stadtwolf spitzte die Ohren. Keine Schritte. Er hatte Glück gehabt.
Geduckt schlich er zurück zu dem Müllsack, den er aufgerissen hatte. Enttäuscht mußte er feststellen, daß die verlockenden Gerüche nur von ein paar kläglichen Soßenresten aus einer Dose stammten. Schmerzliche Erinnerungen an eine zerschnittene Schnauze ließen ihn innehalten. Das war die Sache nicht wert. Es gab noch genug andere Nahrungsquellen.
Zielstrebig machte Stadtwolf sich auf den Weg. Nur wenige hätten auch nur einen Schatten wahrgenommen, als er durch die engen Gassen strich. Die City war sein Zuhause, seit langer Zeit schon. Kaum, daß er sich an seine Ankunft erinnern konnte.
Sie waren eine Gruppe junger Wölfe gewesen, die sich aufgemacht hatten, einen besseren Platz zum Leben zu finden.
Vereinzelte Bilder tauchten in seinem Kopf auf: fallende Bäume, Menschen mit Motorsägen, wenig Essen, Menschen mit Gewehren und Hunden, gehetzte Gesichter der älteren Wölfe, entsetzlich lärmende Menschen in grellbunten Fellen, Angst, unerträgliche Angst...
Die Stadt war auch nicht mehr gefährlicher als die sogenannte „Wildnis“. Die Überlebenschancen standen gleich schlecht. Alle seine Gefährten waren längst tot. Vom Auto überfahren, an Rattengift krepiert oder als Straßenköter erschlagen worden.
Aber das war lange her, es berührte ihn nicht mehr. Er brauchte niemanden. Alleine konnte man sich hier besser durchschlagen. Jeder kämpfte nur für sich.
Stadtwolf erreichte den Eingang zur Kanalisation. Die Finsternis in den Rohren störte ihn nicht. Er kannte den Weg auswendig, so oft war er ihn gegang...
Plötzlich sträubten sich seine Nackenhaare, er blieb mit gesenktem Kopf stehen. Das drohende Knurren wurde in dem engen Schacht verstärkt.
Nicht nur der Wolf hatte die Vorteile der großen Menschensiedlung entdeckt.
Es kam jedoch zu keinem Kampf. Der Fuchs sprang davon, ohne auch nur den Versuch zu machen, seinen Platz zu verteidigen. Jedes Wildtier, jeder streunende Hund wußte, daß mit dem riesigen Einzelgänger nicht zu spaßen war. Er war stark. Er war schnell. Er hatte schon im Kampf getötet. Er war der König der Streuner. Niemand hatte ihn je ein Wort sprechen hören. Es war besser, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn tier ein heiles Fell behalten wollte.
Stadtwolf schenkte der Begegnung kaum mehr ein Zucken der Schwanzspitze und setzte seinen Weg fort.
Mit jedem Sprung konnte er eine Ratte packen. Es wimmelte nur so von ihnen. Leichte, fette Beute. Zum Glück waren die allgemeinen Bekämpfungsaktionen, die die Zweibeiner alle Schnauze lang starteten, selten erfolgreich. Von diesen Nagetieren und Essensresten ließ es sich gut leben. Als der Jäger das Ende des Rohres erreichte, war sein Magen gefüllt
Seine feine Nase, die sich längst nicht mehr an dem Gestank von Autoabgasen und Abwässern störte, nahm den frischen Hauch der Randgebiete wahr.
Er betrat sie so gut wie nie. Ihm waren die engen Straßen und Reihenhäuser lieber als diese weit auseinander stehenden Behausungen. Müllkontainer waren eine bessere Deckungen als ein paar dürre Sträucher. Betrunkene Penner waren leichter zu täuschen als neugierige Nachtschwärmer auf ihrem Abendspaziergang.
Stadtwolfs Pfoten waren vom Laufen auf Asphalt abgehärtet, das weiche, kitzlige Gras irritierte ihn. Trotzdem blieb er dieses Mal stehen. Irgendwas hielt ihn fest.
Der Wind wehte stärker als sonst, es schien, als trüge er Botschaften in sich. Von hier aus konnte er den Sternenhimmel sehen, ein seltener Anblick für jemanden, der nur Hochhäuser und Straßenlaternen gewohnt war. Irgendwie schien eine Ahnung von Wald in der Luft zu liegen.
Wieder stiegen Erinnerungen in ihm hoch, ohne daß er es verhindern konnte. Dichte Blätter, mit Moos überwachsene Baumstämme, weicher Erdboden unter den Füßen und ein Duft... ja, dieser Duft von Holz, Blumen, Grün und Regen... und von anderen Wölfen. Fast hörte er ihr Winseln, ihr übermütiges Bellen oder das Heulen, wenn sie einander zur Jagd aufriefen oder einfach nur zeigen wollten, daß sie zusammengehörten. Wie einsam, trostlos und grau war doch sein eigenes Leben im Gegensatz zu...
Stadtwolf überkam eine große Angst, Angst vor diesen fremden Gefühlen, Angst, weil er spürte, wie er sich nach dieser gefährlichen Wildnis, der unbekannten Heimat zurücksehnte. Die Füße setzten sich beinah von selbst in Bewegung...
Aber er war einfach zu lange fort gewesen. Er kannte sich nicht mehr aus. Wie sollte überleben? Wie sollte er Futter finden, dort, wo es keine Abfallbehälter, keine Kanalisation gab? Welche namenlosen Gefahren würden auf ihn lauern? Wo sollte er sich verbergen ohne Winkel, Höfe und Mauernieschen? Wohin sollte er sich überhaupt wenden in dieser riesigen Welt außerhalb seiner kleinen Stadt? Hier war alles vertraut, hier war er König. Was würde er dort sein? Ein Nichts.
Aber es ließ ihn nicht mehr los. War es das Risiko nicht einfach wert?

Lange stand Wolf an der Grenze zwischen den beiden so unterschiedlichen Welten.
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