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Nächtebuch 17.12.08 Eigenwerk
von Hunting aus der Kategorie Freier Text - Persönliches - Tagebücher

Nächtebuch
Was mir vor dem Einschlafen durch den Kopf geht, Geniestreiche, Banales, Gedankensplitter und Aphorismen, Träume und Beobachtungen.
Erstellt:    17.12.2008 00:46
Geändert: 04.02.2009 22:54
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Ich frage mich, woher unser Aberglaube kommt, dass einem menschlichen Gesicht eine tiefere Bedeutung innewohnen müsse. Letztlich ist und bleibt es Zufall, was einer für eine Visage bekommt, eine willkürliche Kombination der Gene, Glücksspiel der Natur. Kann sein, dass auch Persönlichkeit am Ende Zufall ist oder halt Schicksal, was im Grunde dasselbe ist. Obwohl ich immer noch vom freien Willen überzeugt bin, innerhalb der Grenzen der Sachzwänge, die einem die Umwelt auferlegt, versteht sich, aber man steht ja doch jeden Tag vor neuen Entscheidungen, wägt Vor- und Nachteile ab, und da müsste man ja schon komplett jede menschliche Freiheit, damit auch jede Würde, jeden Sinn über Bord werfen und es bliebe nichts außer seelenlosen Maschinen übrig. Das hieße in meinen Augen denn doch, den Materialismus, der als Philosophie ja ansonsten nicht zu verachten ist, gar zu weit zu treiben.
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­Aber zurück zum Thema. Falls denn die Persönlichkeitsbildung doch Zufall sein sollte, für den wir nichts können, dann wäre es aber immer noch eine ganz andere Art von Zufall als derjenige, der die Form unserer Wangen, Nasen, Münder und Ohren regiert. Und dennoch sind wir immer wieder davon überzeugt, dass hinter einem makellosen Gesicht unbedingt auch ein angenehmer Charakter stecken müsse und dass wir einem Verbrecher seine Taten schon an seiner Physiognomie ablesen könnten. Da hilft dann aller Hinweis auf die Empirie nichts, denn natürlich gibt es unter den Schönen dieser Welt ebenso viele charakterliche Kotzbrocken wie vorbildliche Persönlichkeiten. Und unter den Quasimodos natürlich ebenso. Es gibt eben keinen Zusammenhang, Punkt. Der Aberglaube aber sitzt tief und ist vielleicht unausrottbar. Kann sein, dass die Natur selbst dafür verantwortlich zeichnet, aber ich frage mich doch, welchen biologischen Sinn so etwas haben sollte. Denn wenn es wahr ist, dass die ersten paar Sekunden einer Begegnung unwiderruflich bestimmen, in wen wir uns verlieben und wen wir links liegen lassen, dann wundert es mich allerdings nicht, dass heutzutage kaum mal eine "Beziehung" länger als zwei, drei Jahre dauert. Und dass dann lamentiert wird: Er/sie sah doch aber so gut aus, wie konnte ich mich nur so sehr täuschen (um gleich darauf prompt denselben Fehler zu wiederholen). Vermutlich meint also die Natur, dieses kurze Liebesglück sei im Zweifel die nachfolgende Enttäuschung wert (Dann taugen aber all die schönen Theorien von unbewusster Wahl des idealen Vaters/der idealen Mutters der künftigen Jungtiere nichts). Und eh hier der Verdacht aufkommt, hier schreibe einer mit dem Neid des Zukurzgekommenen: Ich berichte von einer ganz allgemeinen Beobachtung, daher das "wir" am Anfang; ich beobachte diesen Aberglauben also durchaus auch an mir selbst. Immerhin regt sich dann aber immer wieder auch die Neugier, die auch wissen will, was sich hinter unscheinbaren oder gar hässlichen Gesichtern verbirgt und die Lebensgeschichten, die ich da entdecken durfte, waren in aller Regel nicht weniger spannend und interessant als die der Model-Gesichter, im Gegenteil. Denn der Aberglaube macht es den Schönen natürlich leichter; wer es aber leicht hat, hat weniger Veranlassung, mühsam zu lernen und zu reifen. Sein Glück zumindest findet dejenige auch so. Nur, wenn er auch noch ein Bedürfnis nach einem Lebenssinn verspürt, wird er sich dafür zusätzlich anstrengen. Die Hässlichen dagegen wissen, was scheitern heißt. Manch einer gibt dann auf und wird, aus entgegengesetztem Grund wie der Schöne, bequem und verzichtet auf das Reifen. Ich bin also weit davon entfernt, naiv-romantisch daran zu glauben, dass in jedem hässlichen Entlein ein moralisch überlegener Schwan steckt. Das ist Unsinn. Arschlöcher gibt es natürlich auch unter den Quasimodos. Nur ist eben deren Gesicht nicht die Ursache dafür. 
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Manchmal bekommt man da wirklich den Eindruck, ein gutaussehender Mensch hält es noch für ein persönliches Verdienst und nicht für ein Geschenk der Natur, dass er so aussieht, wie er aussieht. Charakter dagegen ist in jedem Fall selbst verdient, auch der "schlechte" (wobei "gut" und "schlecht" zu einem großen Teil eine Frage der subjektiven Perspektive ist), das gilt auch für die Intelligenz - wir kommen alle dumm zur Welt und wenn der eine am Ende einen höheren IQ hat als der andere, dann liegt's eben schlicht und einfach daran, dass er mehr Zeit und Energie ins Lernen investiert hat. Was absolut kein persönliches Werturteil beinhaltet, denn natürlich gibt es auch vorbildliche Charaktere mit einem IQ von 70 und Kotzbrocken mit 5 Uni-Abschlüssen. Mir geht es also nur um den Punkt der Veränderbarkeit eines Parameters durch eigene Leistung. 
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