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Nächtebuch 05.11.08 Eigenwerk
von Hunting aus der Kategorie Freier Text - Persönliches - Tagebücher

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Nächtebuch
Was mir vor dem Einschlafen durch den Kopf geht, Geniestreiche, Banales, Gedankensplitter und Aphorismen, Träume und Beobachtungen.
Erstellt:    05.12.2008 04:26
Geändert: 04.02.2009 22:55
1597 Lesungen, 22.9KB

A Day in a Life
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­­Ich lese gerade Kempowskis Echolot und denke, er hat Recht. Am Ende sind es nicht immer nur die literarischen Höhenflüge, die bewahrenswert sind und die das Leben ausmachen. Ein Hinweis auf das Wetter, die Beschreibung der eigenen Krankheit, ein Brief an Muttern oder die Feststellung, was es heute zu Mittag gab, das alles, so banal es für sich genommen oft ist, ergibt in der Summe dann doch eine interessante, kaleidoskopartige Zeitaufnahme. Darum also auch von mir heute einmal das, was man in "normalen" Tagebüchern finden würde, ein Abriss der letzten 24 Stunden. Was also hat Rainer D. aus Berlin am Donnerstag, den 04.11.2008 alles getrieben. Es ist nicht spektakulär, mein Leben ist, wie das der meisten Menschen, ausreichend schlicht, dass man daraus kaum einen Roman formen könnte. Immerhin war der gestrige Tag bei mir ausreichend dicht, dass er thematisch nicht gar zu langweilig für ein Tagebuch erscheint, aber auch nicht völlig untypisch für mein Leben.
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­Um 0 Uhr befand ich mich in einem ICE irgendwo zwischen Stendal und Spandau. Den Mittwoch hatte ich in Frankfurt/Main verbracht, war frühmorgens um halb drei aufgestanden, um kurz nach vier den ersten Zug zu erwischen. In Frankfurt dann ab 9 Uhr die Autismus-Tagung WTAS im früheren IG-Farben-Haus. Eine internationale Veranstaltung, die Vorträge zur Hälfte auf englisch. Am Nachmittag dann die Vorstellung der Poster, ein Dutzend Stellwände, darunter unser eigenes. In den letzten Tagen hatten wir Generalproben gemacht, wie man einem interessierten Fachpsychologen am besten in 3 Minuten erklärt, worum es bei unserem Forschungsprojekt ging. Zuerst standen die meisten Leute allerdings vor dem Nachbarposter, Autismus und Kriminalität, natürlich ein deutlich spektakuläreres Thema und ich meinte schon zu P., mit dem gemeinsam ich unser Poster vorstellen sollte, dass Sex und Crime halt mehr Leute anzieht und wir ja das nächste Mal vielleicht eine Studie über das Sexualverhalöten von Autisten machen sollten. Dann zeigten sich einige aber doch interessiert, ein Lehrer, der auf autistische Schüler spezialisiert ist, sowie ein indischer Psychologe (ich mag diesen Singsang des indischen Englisch). Denen skizzierten wir also in groben Zügen, dass wir eine Forschungsgemeinschaft von Autisten und Forschern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung sind, dass es uns darum ging, zu erforschen, wie weit in deutschen Amtsstuben eigentlich das Wissen um Autismus verbreitet ist, dass wir dazu diverse Jobcenter angeschrieben haben, parallel dazu auf Autismus spezialisierte Fachpsychologen, und herausfanden, keine große Überraschung, dass das Fachwissen bei den Sachbearbeitern ziemlich gering ist. Zugleich haben wir aber auch abgefragt, inwieweit generell Toleranz, Empathie und Veränderungsbereitschaft vorhanden ist und die ist nun nicht geringer als bei anderen Menschen auch. Allerdings werden dennoch spezifisch autistische Verhaltensweisen von den Behördenmitarbeitern wiederum deutlich negativer bewertet als von den Psychologen. Erklärungsmodell ist daher, dass das auf das mangelnde Wissen zurückzuführen ist, nicht auf Vorurteile, und dass man mit einer entsprechenden Sachaufklärung gegensteuern kann.
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Die ganze Veranstaltung ging bis 19 Uhr abends, entsprechend erschöpft war unsere Truppe. Dann ging es mit dem ICE also heimwärts; von uns Autisten blieben P. und S. noch in Frankfurt, E., der etwas stärker eingeschränkt ist, fuhr mit uns, das heißt mit mir und 4 jungen Forschern und Forscherinnen vom Max-Planck-Institut. Man plaudert und lästert noch miteinander, die Damen waren spät am Frankfurter Hbf. eingetroffen, gerade noch rechtzeitig vor Abfahrt des Zuges, obwohl sie von uns Autisten eine genaue Wegbeschreibung bekommen hatten; sie hatten sich auch nicht verfahren, sondern waren noch etwas essen und einkaufen, aber wir konnten es uns nicht verkneifen, zu lästern, dass das eben davon komme, wenn man nicht auf uns höre. Dann meinte eine der Forscherinnen, dass I., die Organisatorin unseres Teams, die gerade schwanger ist, wohl ein Mädchen bekommen werde. Man sage ja, war ihre Erklärung, dass Frauen, die ein Mädchen bekommen, etwas hässlicher sein als werdende Mütetr von Jungen. Das war natürlich auch ein gefundenes Fressen und ich meinte, das würde ich ja bei nächster Gelegenheit der I. erzählen, dass sie hier von ihrer Kollegin als hässlich angesehen werde. Neinein, so sei das ja nicht gemeint gewesen, eben nur weniger attraktiv als bei Jungen, so im Gesicht und unter den Augen und so, aber gesagt war gesagt, und ich sagte dann noch, wir Autisten verstünden ja bekanntermaßen alles wörtlich, hätten kein Verständnis für Kontext und Ironie und da müsse sie eben damit rechnen, dass wir das so weitertragen. So haben wir uns dann die Fahrt über ganz gutunterhalten. Irgendwo zwischen Hanau und Fulda hielt der Zug dann auf freier Strecke, auch später noch zwei, drei Mal. E. wurde sichtlich nervös, fing an, mit den Händen zu wedeln; er mag es absolut nicht, wenn seine Zeitplanung durcheinander gerät, malt sich dann extreme Szenarien aus, was alles schiefegehen kann. Dass wir mitten in der Nacht auf freier Strecke aussteigen müssten, irgendwo in der Pampa, und wir nicht mehr weiterkämen. Dass der Lokführer uns wohl ärgern wolle. Der könne nichts dafür, das passiere eben mal, versuchten wir ihn zu beruhigen, aber wie das so ist, gegen seine Nervosität war wenig auszurichten. Sehr begabt in manchen Dingen, aber dann auch wieder dieses kindliche Verhalten, ein Naturinstinkt, der ihn vor lauernden Gefahren warnt, ohne dass der Verstand dagegen eingreifen könnte, vielleicht auch das eine Art besonderes Talent, nur sehr hinderlich für ihn in der technisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Als Mönche im Mittelalter, meinte mal einer von uns, würden wir eine gute Partie machen, den ganzen Tag mit Manuskripten beschäftigt, der Tagesablauf ritualisiert, kein Smalltalk, keine lästigen Sozialkontakte, das Paradies eben.
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Gegen 1 Uhr kamen wir dann doch am Berliner Hauptbahnhof an. Siehst du, E., ist doch alles gutgegangen. Man verabschiedet sich voneinander, ich mache mich zu Fuß auf den Weg nach Hause - ich mag Nachtspaziergänge und bis zu mir nach Tempelhof ist es etwa eine Dreiviertelstunde, kurz genug, um mir das Fahrgeld zu sparen. Nachts joggen ist auch etwas, was mir sehr Spaß macht, die kalte Luft einsaugen, das hat was ungeheuer Erfrischendes, Belebendes. Diesmal allerdings kam das weniger in Frage. Ich hatte einen Rucksack auf dem Rücken mit Laptop und einer Menge Schreibkram. Außerdem waren die Gehwegverhältnisse nicht überall dazu angetan, zu rennen. Immerhin, vielfach war gestreut, aber beispielsweise genau der Gehwegabschnitt vor dem Bundeskanzleramtsklotz war ungestreut, spiegelglatt; ich stellte mir schon Frau Merkel vor, mich begrüßend, Sand vor ihrem Amtssitz verstreuend, brav ihre Pflicht erfüllend wie andere Hausbesitzer auch. Dann über den Potsdamer Platz, leere Straßen überquerend. Ich mag das, sechs- oder achtspurige Hauptverkehrsachachsen, auf denen nur einzelne Wagen wie verloren dahinrasen. Im kleinen, unbeleuchteten Park am Karlsgarten dann stapfe ich in einer knöcheltiefe Pfütze, meine rechte Socke saugt sich sofort mit Eiswasser voll und ich fluche, aber egal, muss eh weg vom Warmduscherimage, eine kleine Abhärtung also, bringt mich nicht um, macht mich härter, kein Grund zu jammern also.
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Zu Hause dann der Blick in die Mailbox. Ein Tag nicht daheim und wieder knapp 100 Mails, die sich angesammelt haben, der Spam schon nicht mitgerechnet. Nachrichten von Übersetzerkollegen, von Benutzern des Schneckenmenschenforums, die sich über das Diskussionsklima dort beschweren und meine Vermittlung anrufen, Neumitgliedschaften für unseren Verein, Neuigkeiten zum Stand der Newsletterredaktion, zur Vorbereitung des Filmfestes an der FU, wo wir Aspies e.V. auch vorstellen wollen. Dann meldet sich das Übersetzungsbüro Profi Schnelldienst wegen einer Rechnung, die ich denen ausgestellt hatte, die sei fehlerhaft. Ich schaue nach, fürchte schon, ich hätte mich bei der Zeilenzahl oder der Mehrwertsteuer zu meinen Gunsten verrechnet, tatsächlich ist es aber umgekehrt, es ging um einen Auftrag, bei dem sie mir einen Zeilensatz von 55 Cent angeboten hatten, ich hatte aus reiner Hewohnheit mit den sonst üblichen 50 gerechnet. In der Summe nur ein paar Euro, aber Kleinvieh macht auch Mist. Eigentlich wollte ich ansonsten schon auf dem Rückweg im ICE auf dem Laptop einen Bericht zur Tagung in Frankfurt schreiben. Morgen ist auch noch ein Tag, denke ich, naja, heute, es war ja nun schon zwei Uhr und ich langsam müde. Den Kempowski mit ins Bett genommen, eine Zeitreise in den Januar 1943, irgendwann schlafe ich ein.
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Am nächsten Morgen die Sache mit der Rechnung geregelt. Einen anderen Auftrag fertiggestellt, bei dem es um die Übersetzung eines Exposés für einen Film ging, Thema war das 100-Dollar-Laptop-Projekt von Negroponte. Interessante Dokumentation, ich sehe vor mir, wie der Mann die Staatsmänner der Welt für seine Idee zu überzeugen versucht, dann die Computer auf dem Weg aus der Fabrik in irgendein gottverlassenes Dorf in den peruanischen Anden, wo dann ein Kind gezeigt wird, dass begeistert seinen neuen Computer den Eltern zeigt. Ein bisschen allzu naiv-optimistisch - ich frage mich etwa, ob dem Kind dabei nicht auch etwas verlorengeht; zu Beginn sieht man den Jungen, wie er einen Drachen steigen lässt; später hat er dazu keine Zeit mehr, er lernt, Grafikprogramme zu bedienen; irgendwann wird er auch lernen, was Egoshooter und Moorhuhnjagden sind, aber dazu bin ich dann doch zu sehr selbst Kind dieser Zeit, dass mir selbst der Abendlanduntergangspessimismus angesichts der Revolution, die wir durch PC und Internet erleben, albern vorkommt. In der Summe hat Pablo eben doch ein Riesengewinn an Wissen über Zusammenhänge, an zusätzlichen Chancen, an Lebensfreude. Und ich mag ansonsten auch Typen wie den Negroponte, die Verantwortung übernehmen, auch gegen Widerstände. Sowas gibt mir dann auch wieder Mut für meine eigene Vereinsarbeit, so aufreibend die immer wieder ist. Wenn man mit Leuten zu tun hat, die meinen, ihre Rebellion gegen das Establishment würde Dienstag nächster Woche zur Weltrevolution führen und dann seien alle Übel dieser Welt Geschichte, aber wenn es dann um die konkreten kleinen Schritte geht, die eben nötig sind, um den Leuten zu helfen, wenn man Leute sucht, die Beiträge für den Newsletter schreiben, die Verpflegung zur Selbsthilfegruppe mitbringen, die sich um die Schlüssel zu den Räumen kümmern, die mal einen Autisten zum Arzt begleiten, die mithelfen, Kontakte zu Fachpsychologen und Forschern zu knüpfen, das Alltagsgeschäft also, dann darf man die Pamphleteschreiber suchen. Du, ich hab gerade eine persönliche Krise. Ich kann nicht mit nach Frankfurt, ich lebe von Hartz IV - Hey, wir haben einen Sozialfonds und außerdem für Aktive die Möglichkeit zur Kostenerstattung - Ja, trotzdem, hab eben keine Zeit. Und die ewigen Streitereien und Rechthabereien. Ist im Grunde ein Wunder, dass es den Verein überhaupt noch gibt und nicht alles längst in die Judäische Befreiungsfront und die Befreiungsfront von Judäa zersplittert ist. Was bei aller Bescheidenheit eben auch Leuten wie mir zu verdanken ist. Vor zwanzig Jahren war ich ja selbst noch so ein aufsässiger Jungspund, der sich von niemandem was sagen lassen wollte, auch nicht von der Stimme der Vernunft im eigenen Kopf. Bis man irgendwann eben erwachsen wird und merkt, dass es nicht immer nur um den eigenen Bock gehen kann und dass man andere, die auf einen angewiesen sind, nicht irgendwelchen persönlichen Launen aussetzen darf.
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Und Essen und Miete und Krankenkasse wollen auch bezahlt werden, also hat die Arbeit im Zweifelsfall Vorrang. Tatsächlich kommt mittags wieder ein neuer Auftrag von Profi Schnelldienst rein, wieder ein Anruf: "Könnten Sie 13 Seiten bis morgen übernehmen?", klar, der Text kommt per Mail, ein Architektenbüro beschreibt einige seiner Bauprojekte - das mag ich an dem Job, immer wieder neue Themen, immer wieder dazulernen -. kein Problem für mich, man schickt mir die Auftragsbestätigung, die wird ausgedruckt, von mir unterschrieben, gescannt, zurückgeschickt, keine drei Minuten nach der Anfrage, das Ganze ist nach mehreren Hundert Übersetzungen schon völlig ritualisiert, sitze ich an der Übersetzung. Bei einzelnen Fachbegriffen wird recherchiert, Google, Wikipedia, für schwere Fälle gibt's auch die Kollegen bei leo.org, die aushelfen, aber man ist ja fit, zu oft kann man eh nicht nachschlagen, das muss schon sitzen, umsonst hat man seine Ausbildung auch nicht gemacht, der Zeitdruck ist da, der Abgabetermin immer knapp kalkuliert, aber bei ordentlichem Arbeiten gut zu schaffen. Es macht letztlich auch nicht nur Spaß, sondern auch stolz; die neuen Aufträge zeigen: Da gibt's Profis, die wissen, was sie an mir haben und dass ich korrekt, schnell und effizient arbeite. Manchmal, selten, kommt am Ende auch mal eine kleine Beanstandung, auch bei mir schleichen sich mal Flüchtigkeitsfehler ein, aber auch das ist einkalkuliert, wird behoben und der Kunde bekommt eine glatte, hochwertige Übersetzung geliefert. Manchmal ist zwischendurch auch noch Raum für eine Buchübersetzung. Letztes Jahr Tony Attwoods neues Buch zum Asperger-Syndrom. 400 Seiten, die mir immerhin um die 7.000 Euro Nebenverdienst eingetragen haben, und auch Lob zur kompetenten Arbeit, aber Kunststück, wenn man in dem Fall die Doppelqualifikation hat und auch thematisch vom Fach ist. Bis zum Abend ist dann über die Hälfte von dem Archtikten-Text geschafft, der Rest dann morgen.
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Dann ein Anruf bei der Botticelli-Venus. Hatte mich über eine Woche nicht gemeldet, Schande über mich. Plauderei über ihren Job als Lehrerin, sie ist gestresst von den Kindern, bekommt von mir entsprechende seelische Aufbauhilfe. ich erzähl von dem Kongress in Frankfurt, in der nötigen Kürze - die Schneckenmenschen sind nicht wirklich ihr Thema, anders als bei der Mondmaus aus Friesland, sie meint, ich solle mich da auch nicht zu sehr hineinsteigern mit meiner ganzen Vereinsarbeit, naja, ich kenne sie jetzt gut 2 Jahre, da weiß man, wie man aneinander ist und was den anderen eher langweilt, also Themenwechsel, ob man nicht wieder was unternehmen könne. Ich schlage "Ganz schön feist" vor, eine geniale A-capella-Comedy-Band. Sie kennt sie nicht und als ich den Titel "Sie will immer nur ficken" erwähne, fragt sie skeptisch, ob das nicht etwas zu vulgär sei - sie ist selbst angenehm kultiviert, intelligent und achtet sehr auf Niveau, ich beruhige sie, dass sie bei "Ganz schön feist" mit jeder Menge Ironie rechnen dürfe. Sie sagt, sie überlege es sich noch. Wobei sie alles andere als prüde ist. Wenn ich ihr sage, dass mein letzter Sex auch schon wieder drei Jahre her ist, sieht sie mich immer wieder erstaunt bis erschreckt an, sagt, sie selbst würde schon nach einem oder zwei Monaten wahnsinnig werden ohne Sex. Entsprechend sieht ihre Bilanz aus. Selbst mit hochgradig sinnlicher Ausstrahlung (daher mein Spitzname für sie), wünscht sie sich bei jedem neuen Kerl, dass es diesmal aber doch der eine sein möge, der auch bei der Stange bleibt. Und zwei Wochen später heult sie sich wieder bei mir aus, enttäuscht, einmal mehr desillusioniert, er sah doch so verdammt gut aus, es wäre doch so schön gewesen. Also auch wieder so ein Naturwesen, auf ihre Weise unschuldig, zwar sicher nicht das naive Blondchen, mit gut 40 Jahren hat sie auch ihre Lebenserfahrung, aber eben oft allzu gutgläubig. Also wünschen wir beide uns gegenseitig den idealen Partner an den Hals, die große Liebe, die doch auch wir mal verdient hätten. Immer schön optimistisch bleiben und bis dahin hat man eh genug zu tun, das lenkt ab und die Melancholie hält sich in Grenzen.
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Ich mach mich noch im Internet schlau, was in der Welt passiert. Fernseher hab ich keinen, die Soaps und Nachmittags-Talkshows vermisse ich nicht wirklich, dazu ist mir meine Lebenszeit denn doch zu kostbar. Ein, zwei Stunden also Hintergrundberichte gelesen, über die Leitzinssenkung, über Konsumgutscheine, die Bundesmarine vor Oman, Herrn Schäfer-Gümbel. Dann noch zwei, drei Artikel in der Bild der Wissenschaft studiert, um auch in der Welt der Forschung halbwegs auf dem Laufenden zu sein. Dann wieder E-Mails abarbeiten, Vereinsarbeit. Spätabends dann wieder die Zeitreise. Ich suche auf YouTube weitere Filme über die Welt des Jahres 1943. Da ist "Uprising", ein englischsprachiger Film über den Kampf im Warschauer Ghetto. Sehr heftig, zum Teil bis an die emotionale Schmerzgrenze, die bei mir trotz der Warmduscherseele doch recht hoch liegt. Aber manchmal fang auch ich an zu heulen, etwa, wenn die SS-Männer über den Trümmern des Ghettos ein Kind nach ihrer Mutter schreien lassen, die sich unten in einem Keller mit dem letzten Haufen jüdischer Kämpfer verschanzt hat und die so hervorgelockt werden soll, und wie die anderen Kämpfer die verzweifelte Mutter festhalten, ihr den Mund zuhalten müssen. Und man weiß, ja, diese Szenen sind echt, es war so, es ist die Wahrheit, dass von den 300.000 Warschauer Juden am Ende nur eine Hand voll über die Kanalisation entkommen ist. Nicht, dass ich auf die NS-Zeit fixiert bin. Es ist Teil eines allgemeinen historischen Interesses und mit der gleichen Leidenschaft kann ich mich auch ins antike Rom, ins Mittelalter oder ins Preußen des 18. Jahrhunderts versetzen. Aber irgendwie bleibt die Ungeheuerlichkeit dieser 12 Jahre doch für mich etwas Einmaliges. Das ist dann auch so eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und der Venus - sie meint, die Juden hätten schließlich kein Monopol auf menschliches Leiden; womit sie Recht hat. Ich kann es auch niemandem übelnehmen, der meint, er wolle nicht ständig mit Auschwitz konfrontiert werden; eine solche Abwehrhaltung macht einen noch nicht automatisch zum Antisemiten. Jedenfalls polarisiert das Thema immer noch, für mich persönlich ist Gedenken und historisches Bewusstsein wichtig, ohne es anderen aufdrängen zu wollen. Ansonsten wehre ich mich aber auch gegen das Gutmenschen-Etikett, dass denen zugewisen wird, denen die Erinnerung eben wichtig ist. Problematisch wird es, wenn dann Verdrängungs- und Rechtfertigungsprozesse stattfinden oder wenn die Vergangenheit instrumentalisiert wird. Die Sowjets haben ja auch, und viel schlimmer, und auch die USA im Irak, und Guantanamo und Abu Ghureib, da sollen sich die Juden mal nicht so haben ... Das sind so Diskussionen, die mich einfach nur abstoßen. Das Aufrechnen, das am Ende nur eins beweist, nämlich das man zu wahrer, persönlicher Trauer um die Opfer, auch die des Stalinismus und des US-Imperialismus, in Wahrheit gar nicht in der Lage ist und man nur einen Bodycount zur Legitimierung einer eigenen politischen Agenda benutzt. Das letzte Mal, als es um den 11. September ging und sofort wieder theoretische Diskussionen um die Rolle der USA als Weltmacht, um Terror und Gegenterror und um die jeweiligen Rechtfertigungen ging, war mir danach, in die Runde hineinzuschreien: "Leute, könnt ihr nicht vielleicht auch mal eine einzige Minute lang still sein? Eine Trauerminute lang? Wisst ihr eigentlich, was das heißt, wenn ein Mensch stirbt? Habt ihr einen dieser 3.000 Toten im World Trade Center gekannt? Wisst ihr überhaupt, wovon ihr redet?" Aber da redet man gegen Wände und ich gelte vermutlich wieder einmal selbst als Naivling ohne Verständnis für weltpolitische Zusammenhänge. Und alle sind sie so überzeugt, dass ihre persönliche Weltsicht das Maß aller Dinge, die absolute Wahrheit sei und jede neue Information, die sie aufschnappen, wird so zurechtinterpretiert, dass sie sich nahtlos in ihr abgeschlossenes Weltbild passt, schwarz und weiß, und man selbst gehört im Zweifelsfall immer zu den Guten. Auch im Schneckenmenschenforum dieselben Diskussionsmuster. Da gelten dann Moderatoren, die auf die Regeln hinweisen, schnell als Leute, die mit "Nazi-Methoden" arbeiten, man ruft "Zensur" und gefäält sich als Opfer von Willkür und angeblich diktatorischen Forumsbetreibern. Warum Nazivergleiche ein absolutes No-Go sind, ist denen schwer begreiflich zu machen, eben auch wieder, weil sie nicht begreifen, dass die eigenen persönlichen Befindlichkeiten nichts, gar nichts mit dem zu tun haben, was die Juden in Deutschland und dann in Warschau und Auschwitz durchgemacht haben und die wenigen, die diese Hölle überlebt haben, müssten, wenn sie solche Vergleiche lesen, nur abgestoßen sein vor so viel Abgeschmacktheit.
­Dann schaue ich mir noch die letzten Tage von Sophie Scholl an. Auch da unmittelbar sehr stark berührende Szenen. Sophie, wie sie in der Gefängniszelle an den Mitverschwörer denkt, mit seinen drei Kindern und was aus denen werden soll und wie sie anfängt zu weinen. Keine strahlende Antifa-Heldin, einfach ganz Mensch, und man möchte am liebsten in den Bildschirm hineinsteigen und sie in den Arm nehmen. Dabei ist es am Ende nur ein Spielfilm, sind es Schauspieler; nicht ganz ohne Gefahren, das, denn es wirkt dabei mit, dass die "Reenactments" an die Stelle dessen treten, was tatsächlich überliefert ist. Die Inszenierungen und Schauspielergesichter treten an die Stelle der Authentizität, wir halten Spielfilme und Doku-Dramen von Guido Knopp immer mehr für die eigentliche Wahrheit, der Sinn für die Originalquellen, auch das Eingeständnis, dass wir eben nicht alles über die Vergangenheit wissen können, das viele Details für immer verloren sind, das geht dabei verloren. Immerhin, dass durch solche Filme bei Menschen, die sonst überhaupt keinen Zugang zu diesen Themen hätten, auch Wissen vermittelt wird, ist ein gewisser Trost und Ersatz. 
­Ansonsten, wie gesagt, ist mein historisches Interesse wirklich nicht auf diese 12 Jahre beschränkt. Ich verstehe mich als kritischen Linken und gerade das scheint mir ein Versäumnis vieler Linker zu sein, dass sie die ganze übrige Geschichte Deutschlands und die Deutungshoheit darüber den Rechten überlassen. Als gäbe es abseits von Friedrich dem Großen, Bismarck und Adenauer nicht auch eine linke Tradition, einen Büchner, einen Heine, Leute wie Bertha von Suttner, Georg Elser, Wolfgang Borchert und tausende weiterer spannender Lebensgeschichten. Und eben die zahllosen unbekannten "Helden" aus Kempowskis Echolot, dem Soldaten, der in Stalingrad an seine Braut zu Hause denkt, dem Rilke-Verehrer, der Mutter, die für ihren Sohn eine Jacke strickt, all die Menschen, die meinen, sie seien nur Treibgut der geschichte, die aber diese Geschichte nicht weniger gestalten, als die großen Namen, die Hitlers, Churchills, Roosevelts, die Gides, Manns und Jüngers dieser Welt. Jeder macht Geschichte, durch die tausend kleinen Dinge die er tut, die Gedanken, die er ausspricht und niederschreibt, ob in literarisch geschliffener Hochsprache oder von orthographischen Fehlern durchsetzt. Und auch ich halte mich nicht für etwas Besseres, wohl aber für etwas Besonderes. Keine Ahnung, ob mich ein Gott gewollt hat, aber ich weiß, dass mein Dasein nicht gänzlich sinnlos sein kann, dass ich Spuren hinterlassen will, helfen, lieben, anpacken, mir meinen Anteil an Respekt erkämpfen und geben, was ich an Mitgefühl zu geben habe, für die Mühseligen und Beladenen, die meiner bedürfen.    
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