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Frieden schaffen statt klagen Eigenwerk
von yinyang aus der Kategorie Freier Text - Persönliches - Selbsterlebtes

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Primärverzeichnis von yinyang
Erstellt:    14.06.2008 12:25
Geändert: 14.06.2008 14:57
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Neue Wege gehen, oder:
aus dem Leben einer Rechtsanwältin

Als ich beschloß, Rechtsanwältin zu werden, hatte ich bereits zwei Berufe hinter mir.

Ich war gerade 26 Jahre alt und hatte mein Studium als Lokalreporterin und Pressefotografin finanziert.
Nach 7 Jahren Juristenausbildung, die ja seit Jahrtausenden wirksame Methoden entwickelt hat, um aus lebendigen, normal denkenden Menschen Juristen zu machen, war das erste, was mich überrascht hat, die Tatsache, daß man (die Gegenseite) meine Briefe ernst nahm.
Wenn ich also, mangels Arbeitsüberlastung sehr schnell arbeitend, Termine für übermorgen setzte, war ich jedesmal angenehm berührt, wenn der arme überlastete Gegenanwalt gequält aufschreiend anrief und um Fristverlängerung bat.

Durch eine Reihe glücklicher Umstände hatte ich auch gleich richtige Arbeit, sprich Prozesse.

Während meine hoffnungsvollen Mitanfänger ihr Büro durch Strafzettel finanzierten, hatte ich schon richtig schöne Streitereien.

- Nur am Rande und weil es ein so helles Licht auf einen sich selbst ernährenden Berufsstand wirft, will ich hier die Sache mit den Strafzetteln erklären:
Die älteren Leser erinnern sich vielleicht noch daran, daß, so sie einen hoffnungsvollen Junganwalt in der Bekanntschaft hatten, dieser sich mit Feuereifer auf die Strafzettel-Verteidigung warf. Ja, besonders dreiste Strafverteidiger forderten ihre Bekannten geradezu auf, ihr Auto möglichst verkehrswidrig zu parken, vor allem wenn der Bekannte noch eine Rechtsschutzversicherung hatte.

Kam es dann zu dem begehrten Strafmandat und war der Bußgeldbescheid zugestellt, beantragte der Rechtsanwalt erst einmal Akteneinsicht. Die klügeren Behörden stellten dann meist den Fall gleich ein und zahlten an den Rechtsanwalt durchschnittlich 80 DM zuzüglich MWSt. Die Preise variierten von Amt zu Amt.

Die weniger einsichtigen Behörden übersandten die Akten. Der Rechtsanwalt legte Widerspruch gegen den Bußgeldbescheid ein mit der Begründung, sein Mandant sei nicht gefahren. So mußte das Verfahren eingestellt werden und die Kosten des Rechtsanwalts hatte die Staatskasse zu zahlen. Nach Eintritt der Verjährung, was nach 3 Monaten der Fall war, teilte er auch mit, wer tatsächlich gefahren war. Gegen den Fahrer konnte nun nicht mehr vorgegangen werden, da die Sache verjährt war.

Dieses Spiel funktioniert heute nicht mehr, da inzwischen die Verjährungsfrist verlängert und die Halterhaftung eingeführt worden ist.


Doch nach diesem Exkurs in juristische Spielereien, zurück zu meiner hoffnungsvollen Anwaltskarriere. Ich betrieb mein Büro im Hinterhaus zu ebener Erde. Es hatte den Charme eines Detektivbüros aus den Filmen der Schwarzen Serie- Sam Spade läßt grüßen.

Außer wirklich interessanten Fällen aus dem Urheberrecht, die ich bekam, weil ich-gerade rechtzeitig zur Urheberrechtsnovelle von 1985- ein Buch über Urheberrecht der Fotografen veröffentlicht hatte, kamen alle Fälle aus der kleinbürgerlichen Nachbarschaft
Mietstreitigkeiten, Scheidungen, auch Strafzettel und ähnliches.

Jung, fröhlich und streitbar stürzte ich mich auf jeden Fall, identifizierte mich voll mit den Interessen der Mandanten, schlug verbal auf Vermieter ein, die sich um 10 DM bei der Nebenkostenabrechnung vertan hatten, drohte mit Anzeigen wegen Betrugs kämpfte wie ein Löwe um den Unterhalt von verlassenen oder selbst verlassenden Frauen-und hatte riesiges Glück.

Was ich anfing, gelang mir. Ich gewann jeden Prozeß. und wurde reichlich überheblich.

Allerdings fiel mir auf, daß meine Mandanten, von denen ich insgeheim erwartete, daß sie mich mindestens ebenso toll finden sollten, wie ich mich selbst, trotz ihrer gewonnenen Prozesse nicht immer vor Dankbarkeit übersprudelten.

Sie waren zwar meist ganz zufrieden, daß sie ihren Prozeß gewonnen hatten, brachten auch zuweilen einen Strauß Blumen, aber das wars dann auch.

Manche meinten, es sei schließlich selbstverständlich, daß sie gewonnen hätten, sie hätten ja schließlich Recht gehabt und eben nur gekriegt, was ihnen zustand. Andere mäkelten, es sei ja ganz nett, daß sie jetzt endlich das Geld kriegen, das ihnen zustand, aber nach so langer Zeit hätten sie daran eigentlich gar keine rechte Freude mehr.

Und die 3. Gruppe war total unzufrieden. Sie hätten jetzt zwar ihre 10 DM aus der Nebenkosten-Abrechnung zurück, aber das Verhältnis mit ihrem Vermieter sei jetzt endgültig zerrüttet und er drohe mit der Kündigung.

Trotz dieser Reaktionen fand ich im Prinzip immer noch alles in Ordnung und mich selbst immer noch klasse.

Allerdings bekam ich inzwischen chronische Verspannungen im Nacken, einen leicht verbissenen Zug um den Mund und konnte nachts schlecht schlafen.

Am Morgen ging ich nur noch mit flauem Gefühl im Magen an mein Postfach und brauchte nach Durchlesen der Post erstmal einen Kamillentee.

Denn die Gegner, vor allem ihre Anwälte, zahlten mir meine heftigen Attacken mit gleicher Münze zurück.
Die Briefe, die mich erreichten, schreckten auch vor persönlichen Beleidigungen bis hin zu Anzeigen bei der Rechtsanwaltskammer nicht zurück. Besonders ungemütlich wurde es, als ich mich mit einem Zuhälter-Ring anlegte, dessen Mitglieder mir- diesmal ohne Anwalt (des erledische mer selbst)- Prügel androhten.

Zu dieser Zeit war ich sehr froh um meinen Nachbarn, einen zweizentnerschweren Karate-Kämpfer, Inhaber des schwarzen Gürtels, der immer mal ein Auge auf seine Rechtsanwältin inzwischen 28 Jahre jung und 50 kg leicht) warf.

Aber es kam  noch viel schlimmer.

Immerhin tröstete mich bisher bei allem Ärger und trotz fehlender gebührender Dankbarkeit der Mandanten der Erfolg. Wie schon gesagt, in den ersten zwei Jahren gewann ich jeden Prozeß.
Aber, wenn das Pendel in eine Richtung ausschlägt, gibt es zwangsläufig eine Gegenbewegung, und die ist dann genauso heftig. Aber das wußte ich damals noch nicht.

So dachte ich, es geht immer so weiter. Gut, meine Verspannungen wurden schlimmer, dreimal wöchentliche Massagen halfen nur kurzfristig, aber mein Ego war ungebrochen.

Bis ich anfing, alle Prozesse zu verlieren. Es war wie verhext, ich war so wie immer, meine Schriftsätze waren nicht besser oder schlechter als vorher, die Rechtslage hatte sich nicht geändert, aber ich verlor. Sei es, weil die Gegenseite einen Zeugen aus dem Hut zauberte, der genau das Gegenteil von dem gehört hatte, was mein Mandant mir erzählt hatte, sei es, weil der von meinem Mandanten benannte Hauptzeuge sich an nichts mehr erinnerte, sei es ,weil der Richter auf einmal einen rechtlichen Aspekt sah, an den ich nicht gedacht hatte.
Gründe gab es viele, der Effekt aber war immer der gleiche: Ich verlor.

Das dauerte ungefähr zwei Jahre. Ich war am Boden zerstört. Die Angst vor meinem Postfach grenzte schon an eine Phobie.

Da geschah etwas seltsames: Jetzt trösteten mich meine Mandanten. Auf einmal bekam ich wirkliches Mitgefühl und Trost zu spüren.

Sie, denen ich kaum mehr die Urteile zu senden wagte, nahmen den Mißerfolg viel leichter als ich. Sie, um deren Geld es ja schließlich ging, trösteten mich damit, daß sie sagten, das hätten sie sowieso erwartet, ich solle es nicht so schwer nehmen.

Aber ich nahm es schwer. So schwer, daß ich mir ernsthaft überlegte, den Beruf aufzugeben. Ich wollte jetzt Psychologie studieren. In einer der schlaflosen Nächte, in denen ich die Furcht vor meinem Postfach pflegte, beschloß ich den Anwaltsberuf aufzugeben und ein Zweitstudium in Psychologie zu beginnen. Zum Glück scheiterte ich an den schwierigen Bedingungen für ein Zweitstudium.

Und so mußte ich endlich ernsthaft und gründlich darüber nachdenken, ob und vor allem wie ich als Rechtsanwältin weiterarbeiten konnte.

Zunächst zog ich eine Bilanz: Wie viele Fälle gingen überhaupt vor Gericht, wie viele Fälle wurden außergerichtlich erledigt, wie viele Fälle wurden mit einer Beratung abgeschlossen?

Und dabei machte ich eine Entdeckung, die mich erstaunte:

Die meisten Fälle wurden außergerichtlich gelöst. Und obwohl hier oftmals Vergleiche abgeschlossen wurden, bei denen beide Seiten etwas nachgaben, waren die Mandanten damit offenbar häufig zufriedener als nach einem gewonnen Prozeß.

Auch Mandanten, die lediglich eine Beratung wollten und bekamen und dann auf eigene Faust eine Lösung fanden, kamen oft später zu mir um sich zu bedanken und um zu berichten, daß sie mit der Gegenseite zu einer guten Lösung gekommen seien.

Diese Bilanz gab mir wieder Mut. So schwarz sah das alles gar nicht aus und es kamen auch immer wieder neue Mandanten und alte zurück.

Ich beschloß, die Struktur meiner Kanzlei grundlegend zu ändern. Statt phantasielos und eingleisig in Richtung Konfrontation mit dem Endziel gerichtliche Auseinandersetzung zu fahren, versuchte ich herauszufinden, worum es wirklich ging, was die Mandanten wirklich wollten und wo es zwischen den Parteien Gemeinsamkeiten gab, die eine Lösung ermöglichen.

Ich hörte auf, auf die „Gegner“ einzudreschen als ob sie meine persönlichen Feinde seien.

Gemeinsam mit den Mandanten entwickelten wir Lösungsstrategien, die auch die Interessen der Gegenpartei berücksichtigten, ohne jedoch die eigenen Interessen zu verletzen. Oft entdeckten dabei die Mandanten, daß ihre Interessen mit denen der Gegenpartei in weitgehend übereinstimmten, daß lediglich die Kommunikation getrübt war durch Emotionen wie Angst oder Wut, gekränkte Eitelkeit etc.

Unter dieser Prämisse war es dann relativ leicht, einen Lösungsvorschlag zu machen, der auch akzeptiert wurde.

Ich merkte zunehmend, daß mir diese Art zu arbeiten, immer mehr Freude machte, daß ich zufriedener mit meiner Arbeit war und meine Mandanten dauerhaften Gewinn aus meiner Tätigkeit zogen.

Inzwischen war ich Justitiarin der Allianz Deutscher Designer, des größten europäischen Designerverbandes mit damals rund 2500 Mitgliedern geworden. Eine meiner Hauptaufgaben war die Beratung der Mitglieder in allen rechtlichen Fragen.

Bei ca 2000 Beratungen jährlich und das fast 10 Jahre lang, machte ich die Erfahrung, daß jedenfalls für „meine“ Designer jeder Prozeß, ob schließlich gewonnen oder verloren war dabei fast gleichgültig, ein Unglück war. Sie, die ihre Energie voll für ihre kreative Arbeit brauchten, verloren bei dem Gezerre um Rechtspositionen einen großen Teil ihrer kreativen Kraft, den Kunden sowieso.

Also beriet ich immer mehr in Hinblick auf außergerichtliche Lösungen. Die Designer selbst fanden, bei entsprechender Beratung und Öffnung ihres Blickwinkels oft erstaunliche Lösungen, die mir ihre Kreativität zeigten.

Ich war jedoch noch nicht ganz zufrieden mit meiner Arbeit. Zwar lief das alles ganz gut und richtig, aber ich hatte das Gefühl, auf leicht unsicherem Boden zu stehen. Ich wollte mehr wissen über Hintergründe von Konflikten, über menschliche Verhaltensweisen, über Gefühle.

So begann ich eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin am Gestaltinstitut Frankfurt. Drei Jahre lernte ich in Abend-, Wochenend- und Ferienseminaren mich selbst und Theorien über Entwicklungsprozesse und Methoden zum Umgang mit Konflikten kennen.

Dies war alles äußerst spannend und interessant, machte viel Spaß und brachte auch zunächst eine weitere Verbesserung meiner Beratungsfähigkeiten.

Nach drei Jahren und dem Ende der Ausbildung war ich jedoch immer noch nicht ganz zufrieden. Ich war zwar freier, fröhlicher und weniger verbissen als vorher, meine Verspannungen im Rücken waren jedoch immer noch vorhanden und ich fühlte, es muß noch mehr geben, tiefer und höher gehen.

Meine Suche führte mich schließlich zu einem Lehrer, der nachdem er den ehrbaren Beruf des Studienrats für Deutsch und Englisch aufgegeben hatte, als Psychotherapeut gearbeitet hatte.

Dieser Lehrer, Hennes Groddeck, hatte ein System entwickelt, Körperarbeit in Form von tiefer Bindegewebsmassage nach der Methode von Ida Rolf mit Gestalttherapie zu verbinden. Wesentlicher Teil der Arbeit war auch der spirituelle Aspekt.

Die weitere Beschäftigung mit den spirituellen Prinzipien Selbstverantwortung, Gesetz der Anziehung und Befreiung durch Vergebung brachte mich immer mehr dazu, die übliche Rechtsanwaltsarbeit (Anwalt als Haudrauf, Knüppel aus dem Sack etc) als ermüdend und nicht mehr angemessen zu betrachten.

Stattdessen arbeitete ich daran, möglichst schon im Vorfeld Konflikte zu vermeiden, Menschen zu beraten, wie sie durch klare Angebote und gute Verträge gute Geschäftsbeziehungen eingehen und ihre Arbeit möglichst konfliktfrei gestalten können.
Im Laufe der Zeit brachte ich meine Erfahrungen in Buchform und es erschien ein buch mit Vertragsmustern, das inzwischen in 2. Auflage ein kleiner Bestseller geworden ist.

Das alles ist schon gut, mein Ziel jedoch ist noch etwas anderes.

Ich will Menschen, die Konflikte miteinander haben, dazu bringen, miteinander zu reden und zu versuchen, ihre Konflikte gemeinsam zu bewältigen. Dazu ist es zunächst wichtig, dass einer anfängt und erkennt, dass jeder Konflikt eine Chance ist. Frieden fängt bei einem an. Es reicht nicht zu warten, bis beide sich zusammensetzen. Das ist das Problem mit der Mediation: Diese ist gut gemeint, scheitert aber oft daran, dass nicht beide bereit sind, sich an einen Tisch zu setzen.
Bei meinem Ansatz geht es darum, dass einer anfängt, Frieden zu machen. Wenn in einem System einer sich verändert, verändert sich das Ganze. Deshalb kann eine Lösung auch gefunden werden, wenn nur einer dazu bereit ist.
Das heißt nicht, dass man immer nachgeben soll. Im Gegenteil: Manchmal besteht die Veränderung darin, überhaupt einen klaren Standpunkt zu beziehen und zu wissen, was man/frau will. Es gibt viele Möglichkeiten.

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