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Counterstrike=>Erfurt? Fremdwerk
von Emperor aus der Kategorie Freier Text - Wissenschaft, Technik - Computer, Internet

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Primärverzeichnis von Emperor
Erstellt:    06.09.2004 00:00
Geändert: 12.03.2008 22:56
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Ich habe lange überlegt, bevor ich dieses Artikel hier geschrieben habe. Einerseits ist das viellicht schon richtig - gewaltverherrlichende Computer/Videospiele steigern die Gewaltbereitschaft und gehören verboten, aber andereseits...

Zwischen den Computerspielen und echtem Töten ist eine ganz klare Grenze abgezeichnet. Eine Sache ist es, zu wissen, dass das alles die Kunst des Programmierens, Zeichnens und Planens ist - die Programmierer, Grafiker und Designer sind bestimmt keine blutrünstigen Monster, die alle Menschen, die ihre Spiele spielen, in eine Herde metzelnder Zombies verwandeln wollen - ganz im Gegenteil, die wollen (an der zweiten Stelle) dass die Käufer und Spieler ihrer Spiele Spaß haben, und (an der ersten Stelle) wollen sie natürlich wie alle anderen, ein gutes Leben mit einem gut bezahlten Job oder einem sich rentierenden Geschäft haben. Nunja, eine Sache ist es, mit der Maus zu klicken und eine gewisse Abfolge von Nullen und Einsen auslösen, die im Endeffekt zu einem Computergrafikfeuerwerk führt, der jetzt in dieser Zeit der 3D-Grafikkarten mehr als erstaunlich sein kann - und eine ganz andere Sache ist es, einen WIRKLICHEN (NICHT aus Nullen und Einsen bestehenden) Menschen zu töten, ihm dabei in die Augen zu sehen, seine Lust am Leben und sein stummes Flehen um Gnade zu sehen - und doch abdrücken. Trotz des Wissens dass es ihn danach nicht mehr gibt und welche Trauer seine Angehörigen verspüren. Zwischen dem "Mord" im Computer und dem Mord inm wirklichen Leben liegen keine Meilen, sondern ganze Welten, und wer die beiden Welten nicht unterscheiden kann, ist genauso verrückt, wie der, der mit dem Kopf gegen die Wand schlägt, um zu testen, was fester ist. "Die andere Realität, die sich auf brutalste Basis mit unserer eigenen überschneidet" ist einfach nur total daneben gesagt. Man kann selbstverständlich viele Spekulationen anstellen - aber die gewagteste ist meiner Meinung nach diese hier: Gäbe es den Zweiten Weltkrieg, wenn Hitler einen PC mit Counterstrike darauf gehabt hätte?

Es gibt sicher viele Menschen (darunter auch einflussreiche Politiker), denen gewaltverherrlichende Computerspiele ein Dorn im Augen sind - so etwas, was in Erfurt passierte, ist für sie ein gefundenes Fressen, wie traurig das auch klingen mag. Erstens: Hat sich derjenige, der 17 Menschen erschossen hat, TATSÄCHLICH durch die Computerspiele zu einem Mörder entwickelt? (Für viele Spieler, die ich kenne, sind die Computerspiele viel eher die Möglichkeit, den Dampf abzulassen und den Stress abzubauen - wobei, wohl gemerkt, niemand zuschaden kommen kann. "Wer den Dampf nicht ablässt, wird krank" - ein medizinisches Axiom). Zweitens: Ist man bereit zu töten, nachdem man von der Schule geflogen ist - und selbst wenn, kann man das auch WIRKLICH durchsetzen? Es ist nicht dasselbe, zu sagen, "Ich töte den Typ!" und den "Typ" tatsächlich zu töten. Und drittens: Was nützt der Verbot der Computerspiele? Zum einen ist es der berüchtigte Versuch, den Stall abzusperren, nachdem das Pferd bereits geklaut wurde - und zum anderen, die Konsequenz davon wäre das illegale Verbreiten der Computerspiele z.B. durch Internet (oder soll man das Internet auch noch verbieten?) und als Folge die noch schneller steigende Internet-Kriminalitätsrate.

Ein weiterer Punkt in der Sache wäre zu fragen, was heutzutage die Alternative zu den Computerspielen wäre. Disco? Ecstasy? Crack? Rausch? Schulden? Gang? Tatsächlich statt virtuell? Die Erfurt-Geschichte gleich 100 Mal, vielleicht? Sport? Ach kommt, Leute - Sport macht den meisten doch kein Spass, Computerspiele dagegen sogar viel. Töten um zu überleben gehört eben zu den Ur-Instinkten des Menschen - und durch solche Computerspiele wird dieser Instinkt befriedigt, wobei, wie ich schon sagte, niemand zu schaden kommt. (Achtung: ich meine niemand kommt zu schaden bei den Spielen SELBST - für das, was danach passiert, trägt der einzelne alle Konsequenzen). Und die meisten spielen nicht um reines Töten-Willens, sondern z.B. um ihre Reaktion, Orientierung und Gedächtnis zu verbessern - oder vielleicht auch, um sich woanders zu behaupten, wenn man das im richtigen Leben nicht so gut kann. Oder einfach ein Erfolgserlebnis zu bekommen, da man ja sonst eh nicht soooo viele bekommt.

All diejenigen, die auch der Meinung sind, das Computerspiele verboten gehören, werden mich nach dem Lesen dieses Artikels mit Tonnen von Kot bewerfen :-) - nun, das ist Euer gutes Recht, Leute, und hier habt ihr sogar meine E-Mail-Adresse dafür. Nur eines will ich davor sagen: Ich trauere genauso um die Erfurt-Opfer, wie ihr auch - nur die Lösung für dieses Problems liegt woanders: Nicht einfach alle unter eine Planke stellen, sondern versuchen, herauszukriegen, wer zu so etwas fähig ist und wer nicht. Objektivität gehört einfach dazu, wenn man ein Problem lösen will - und ich versuche eben nach bestem Willen, objektiv zu sein.
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Deuter            
Emperor am 13.06.2005 11:19 (Kommentar)    5    3  
Emperor
Stimmt, aber man hat schon immer nach einem solchen "Gewaltsündenbock" gesucht - und mit den Ballerspielen hat man ihn gefunden. Bequem (diese 68-er Politikergeneration hat eh keine Ahnung von Computerspielen) und praktisch: Man kann wieder einmal zeigen, dass man der Boss ist :-)
Zensor            
NocTurN am 05.10.2005 12:55 (Kommentar)    2    1  
NocTurN
Wer Computerspiele verbietet sollte dann auch über "Schach" nachdenken.
Da werden Truppen strategisch aufgestellt und durch Befehl von "Oben" koordiniert in eine kriegsähnliche Schlacht gesteckt bei der viele Individuen ihr Leben lassen. Auch hier fällt eine hirarchische Struktur auf wie es sie in der Realität gibt. Tausende arme Bauern stehen an der Front während der Hochadel aus sicherer Entfernung "die Fäden zieht".
Zensor            
zimbal am 05.10.2005 23:09 (Kommentar)    5  
zimbal
derart einfach ist die sache nicht. auch wenn beim schach ein kampf stattfindet, truppen in die schlacht geschickt werden und das fußvolk geopfert wird - es gibt einen deutlichen unterschied zu ego-shootern. mit dieser argumentation kann man auch "mensch ärger dich nicht" auf die gleiche stufe stellen, gar alle spiele, da 99% von ihnen wettkampfartig sind.

ich glaube auch, es steht außer frage, dass ego-shooter die hemmschwelle senken können. gleichzeitig sind sie ein mittel um aggression abzubauen. also teufel und weihwasser in einem?

wenn man fragt, ob hitler kein mörder gesesen wäre, hätte er counterstrike spielen können. dann muss man auch fragen, ob erfurt geschehen wäre, wenn dieser mensch keine sadistischen, gewaltverherrlichenden pc-spiele gehabt hätte, in denen er "erfolgreich" war.

ich sehe durchaus ein problem in der extremen nähe dieser spiele zur realität. soldaten trainieren mit diesen spielen! labile menschen werden sicher davon beeinflusst, was gefährlich werden kann, wie in erfurt gesehen. beim schach wohl eher nicht. andererseits: erfurt war auch, gemessen an der zahl der ego-shooter fans, ein sehr seltenes ereignis. statistisch gesehen vernachlässigbar. unter alkoholeinfluss und aus anderen hintergründen werden -deutlich- mehr morde begangen. keiner kommt auch auf die idee autos zu verbieten, weil jedes jahr tausende im straßenverkehr sterben. allerdings werden autos möglichst sicher gebaut und sie müssen durch den tüv. bei spielen sieht die sache anders aus. interessant wäre zu wissen, ob derartige spiele einen statistsch signifikanten effekt auf gewaltverhalten und konfliktlösungsstrategien im alltag haben, ohne dass jemand gleich zum mörder wird. diese frage ist nicht beantwortet worden bisher. man sollte auch nicht fragen, ob diese spiele verboten gehören. sie sind da und sie entstehen aus der gesellschaft heraus. wie alles. man muss nach dem warum schauen. warum sind sie so beliebt? sowohl pc-spiele fans, als auch die gegner, argumentieren hier am problem vorbei und suchen nach einfachen lösungen.
Kritiker            
Professor am 06.10.2005 22:06 (Kommentar)    4  
Professor
Mal aus meiner persönlichen Erfahrung zum Thema "Sucht". Ich spiele gelegentlich (1-2 pro Jahr) Spiele, die mich interessieren und ich spannend finde. Dabei empfinde ich in dem Moment des Spielens oftmals auch eine Art "Sucht", wenn mich das Spiel sehr begeistert, kann ich tief in die Nacht reinspielen. Ich finde solange sich das in Grenzen hält, finde ich so eine "Sucht" garnicht so schlimm. Ich finde Sophia's Darstellung von "sozialen Abrutschern" diesbezüglich reichlich überzogen. Ich habe auch mal wirklich sowas wie Spielesucht gehabt, bei einem Online-Spiel musste ich ununterbrochen dabei sein, das Geschehen verfolgen usw. Ich bin froh, daß ich damit aufhören konnte...

Andererseits, es gibt sooo viele Suchtmöglichkeiten im Leben, da erscheint mir die Spielesucht manchmal noch als eine der Harmlosesten. Fazit: Achtsamkeit - okay, Diskriminierung von Computerspielern und Zensur - nicht okay.
Kritiker            
Professor am 06.10.2005 22:36 (Kommentar)    3  
Professor
Es lässt bestimmt darüber diskuttieren, welche Vor- und Nachteile Computerspiele im Allgemeinen beherbergen, wie z.B. das Training von Geschick und Verstand oder die, von dir eins Gespräch gebrachte, Spielesucht - das Thema dieses Artikels war jedoch speziell die Verbindung zwischen Computerspielen bestimmter Art (Ego-Shooter) und Gewalt(erzeugung), daher würde ich meinerseits die erweiterte Diskussion über dieses Thema nicht weiter hier fortführen, sondern nach woanders verlagern.


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