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An der Kasse des Lebens wird mit deinen Träumen bezahlt von sister aus der Kategorie Geschichte - Erfahrungen |
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Die Zeit schlägt dir ihre Stunden um die Ohren. Noch 17 Stück, mehr hat sie nicht gegen dich in der Hand. Dann wird es sich zeigen: du oder sie. Wie verbringt man seinen letzten Abend? Du kannst dich nicht erinnern, etwas darüber gelesen zu haben, und du hast viel gelesen. Stundenlang. Wochen, wenn man alles zusammenrechnet. Über die wirklich wichtigen Dinge wird nicht geschrieben, denkst du und weißt, dass auch du nicht freiwillig vor dieser Tür stehst mit dem Schild "Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens" und nach Lesen ist dir erst recht nicht zumute. Du fühlst, dass du sogar jetzt noch zögerst, diese Tür zu öffnen, denn die Buchstaben sind verschmiert, wie in Eile an die Wand geschrieben. In einem verdächtigen Rotbraun, das an getrocknetes Blut erinnert. Noch 17 Stunden. Was dann kommt, nennst du "Eingriff". Das plapperst du nach, denn dir fehlen die eigenen Worte dafür. Die hocken noch hinter der Tür. Das Spätsommerlicht tanzt durch die Baumwipfel und vergoldet das Blattwerk. Wieviele Blätter hat ein Baum? War der Himmel gestern schon so blau? Kann Gott mich hören? - Fragen, wie in Eile in den Wind geschrieben. Der Himmel sagt: "So blau wie heute war ich oft. Auch ohne dein Hinsehen." Der Baum sagt: "Ich stehe und wachse. Wielange weiß ich nicht, wer fragt danach? Ich wachse immerzu jetzt. Wer nicht?" Die Tür sagt: "Worauf wartest du? Alle Wege führen durch mich. Alle Auswege führen - aber dort bist du ja..." Der Eingriff sagt: "Nenn mich nicht so. Gib du mir einen Namen. Wie wär´s mit `Katastrophe´?" Die Zeit setzt ungefragt hinzu: "Danke! So viel Respekt habe ich selten bei dir erlebt. Dass man immer erst grob werden muss... Ach, übrigens: Es sind noch 16 Stunden und 25 Minuten." Läßt sich die Welt verändern in 16 Stunden und 25 Minuten? Kommt darauf an. Bei Hiroshima ging es noch schneller. Am 11. September ebenfalls. Die Zeit steht nicht mehr hinter dir, sondern läuft an dir vorüber in Gestalt von zwei Krankenhausmitarbeitern. Eine Frau, ihrer Kleidung nach Krankenschwester, und ein Mann. Du bist dir nicht sicher, in welche Schublade du ihn stecken sollst, denn für "Arzt" fehlt der obligatorische Kittel und für "Pfleger" ist seine Haltung zu stolz. Sie plaudern angeregt miteinander. Die Frau redet lächelnd und gestikulierend auf ihn ein. Sie mag ihn, so viel ist sicher. Ihr Lächeln in den Augen eine Spur verführerisch. Nur einen kleinen Hauch, aber als Frau weißt du, dass es mehr gar nicht sein darf, wenn es echt ist. Die beiden gehen und reden als würde die Welt nicht untergehen. Und Neid tropft dir aus der Seele. Grün und schleimig. Dahinter flammt die Wut in einem satten, dunklen Rot. Wie können sie nur... die Zeit mißachten, die Stunden zertreten, verlachen, zerreden? Bestimmt planen sie ihren Feierabend, die nächste Schicht, ihren Jahresurlaub... Du klammerst dich an den Augenblick und spürst erstmals woher das Wort stammt, denn du fängst die Welt Blick für Blick mit deinen Augen ein: den Baum, das Gras, den Himmel, das Licht und die Farben. Dieser Augenblick gehört dir und du gehörst ihm. Du brennst ihn auf deine Festplatte und denkst, du wirst ihn nie wieder hergeben. Die Zeit lacht: "Wir werden sehen...!" Was du noch alles vorhattest läßt dich erschauern. Mit 15 wolltest du die Welt verändern. Du warst stark und groß und wußtest, sie hatte nur auf dich gewartet. Mit großer Schrift auf kleinen Schildern hast du Wahrheiten durch die Straßen getragen. Fremde Wahrheiten, hoch über deinem Kopf, eine Handbreit über deinem Fassungsvermögen und zehn Meter unterhalb deiner Hoffnung. Du hast Lieder gesungen in grasfeuchten Jeans und mit Gänseblümchen hinter dem Ohr. Der Lambrusco wurde zu Nektar und das Baguette zu Manna, wenn ihr den Zauberkreis der Freundschaft mit euren Körpern ins Gras drücktet. Ihr ward der Raum und die Zeit maß sich selbst in Ferien, Schulstunden und Eltern-Sperrfristen. Als Kind deiner Zeit dachtest du, sie würde für dich arbeiten. Jeden Tag einen Schritt auf die Volljährigkeit zu, stündlich in Richtung Freiheit. Irgendwann aber sahst du ihr ins Gesicht und sie hatte strenge, väterliche Züge. Du warst ihr Kind, aber sie verlangte vor allem Gehorsam. Nicht, dass sie jedes Versäumnis sofort bestrafte, sie notierte sie peinlichst genau in ihr Tagebuch, um die irgendwann die Summe aller verpaßten Gelegenheiten, aller nicht gelebten Minuten vorzuhalten, und Zeitvertreibe zählten doppelt in der Negativbilanz. Dieses Irgendwann war gerade jetzt. Du hast die Welt nicht verändert, sie hat dich verändert. Zwischen 18 und 28 Jahren ist etwas geschehen. Was genau, kannst du beim besten Willen nicht sagen. So etwas wie Seelenkrebs, denn etwas Fremdes hat sich in dir vermehrt und Metastasen in viele Einstellungsbereiche getrieben. Du selbst schriebst große Schrift auf kleine Schilder, aber hättest nicht mehr gewagt, sie in deinen eigenen Händen zu tragen. Du legtest Wahrheiten zwischen Buchseiten, in Schubladen. Später hast du weniger geschrieben und wieder öfter gelesen. Aber all das ist Vergangenheit und du hast überhaupt keine Zeit für Vergangenheiten, fällt dir ein. Nicht bei 16 Stunden und 5 Minuten. "Herrgottnochmal, warum gerade ich?", schreist du in diesen ungerührt blauen Himmel. Nicht einmal die Blätter des Baumes bewegen sich. Und von dem, den du angeschrien hast, ist die Menschheit auch nicht gerade Reaktionen oder ausführliche Antworten gewohnt. Vermutlich hat es ihm die Sprache verschlagen. Du suchst die Gegenwart, diese flüchtige Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft, denn dir ist danach, auf einem schmalen Grat zu wandeln. Auch du bist GEGEN das WARTen, genau wie sie. Mit einem Schlag wird dir klar, wie sehr du das alles vermissen würdest: die Luft, die Geräusche, sogar die von Autos, von Vögeln, von Menschen. Wie durch ein Brennglas siehst du die scharfen Konturen des Krankenhausparks, der Gebäude, und plötzlich ist alles, was du willst, dies sehen, fühlen und erleben. Jetzt und auch morgen noch. Und übermorgen. Wie elektrisiert springst du auf und gehst. Dein Ziel ist erstmals der Weg. Du willst gehen, spüren wie du dich bewegst. Die sanfte Anziehungskraft der Erde gibt deinen Füßen den nötigen Halt und Schwung. Wie unvergleichlich schön doch das Gehen ist, Fortbewegung, Leben! Darf man sieben Stunden schlafen, wenn man nur noch achteinhalb Stunden hat? Im günstigsten Fall wirst du nachher denken "gut, dass ich ausgeruht in den OP gegangen bin; das hat mir sicher geholfen!" Im ungünstigsten Fall wirst du das wahrscheinlich anders sehen. "Verschenkte Lebenszeit" wäre wohl der mildeste Ausdruck dafür. Aber du bist müde. Dein kranker Körper fordert sein Recht und dein Geist ist auch nicht abgeneigt, sein Zepter vorübergehend ans Unterbewußtsein abzugeben. Ein kleiner Traum könnte nicht schaden. Du hast natürlich Angst, es könnte ein schlechter Traum werden, denn deine Nerven sind seit Tagen angespannt. Noch größere Angst aber hast du vor einem guten Traum, der dich in trügerischer Sicherheit wiegen könnte. Es wäre fatal bei einem guten Traum nachher sagen zu müssen: "Ach, war ja bloß ein Traum..." Denn manche Träume sind so stark und so echt, dass man glaubt ein Anrecht auf ihre Erfüllung zu haben. Bei den schlechten darf man sich damit trösten, es sei ja "nur" ein Traum gewesen. Aber an der Kasse des Lebens wird immer bar bezahlt - mit Wünschen, Hoffnungen und guten Träumen. Du brauchst noch ein Ticket für die nächste Fahrt und da dir gerade die Hoffnungen ausgegangen sind und nur ein einziger Wunsch dich erfüllt, käme ein guter Traum gerade recht. Noch acht Stunden und 13 Minuten und draußen ist es dunkel. Minus 30 Minuten. Deine Freude hat spitze Zähne, denn sie haben deinen Eingriff verschoben. Du liegst nüchtern in einem grünen Hemd in der Warteschleife zum Schicksalsflughafen. Leider zeigt dir die Stewardess weder die Notausgänge noch bietet sie dir Erfrischungen an. Sobald du gelandet bist, wirst du dich darüber beschweren, und mit dieser Linie fliegst du kein zweites Mal. Wenn es ein zweites Mal gibt... Minus eine Stunde, 12 Minuten. Die Zeit hat sich selbst überholt und du bist an der Reihe. Sie fahren dich ins OP, wo der Eingriff auf dich wartet. Er hat noch immer keinen Namen von dir, jedenfalls keinen, denn du auszusprechen wagst. Du versuchst ganz cool zu wirken. Ein kleiner Scherz mit der Narkoseärztin. "Es wird alles gut", beruhigt sie dich, weil sie diese Art Galgenhumor kennt, nicht weil sie wirklich wüßte, wie deine Landung ausgeht. Das letzte, was du siehst und fühlst ist nicht das viel zu grelle OP-Licht und nicht der viel zu kalte Raum. Nein, du siehst dich selbst, wie du am Strand sitzt und in die Augen von Francesco blickst. Du hast ihn geliebt, drei Tage lang in einem fernen Land. In einem Land vor deiner Zeit. Ihn willst du wiedersehen, wenn du das hier... 11:29 Uhr Die Zeit hat sich heimlich weggestohlen. Versteckt sich wieder in der Welt, in Essenszeiten und Armbanduhren. Und schlägt vermutlich gerade einem anderen ihre Stunden um die Ohren. ©1997 | ||||||||||