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Große Fahrt Eigenwerk
von Vielfalt aus der Kategorie Geschichte - Erfahrungen

Geschichten
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Erstellt:    01.08.2007 20:12
Geändert: 07.09.2007 12:47
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Am Montag, den 11. Dezember 1978 musterte ich 19 Jahre jung auf der MS Heidelberg als Stewardess an. Ich war für zwei Reisen eingeplant. Die Route ging Hamburg - Bremen – Le Havre - Brasilien den Amazonas hoch bis Manaus und wieder retour.

Meine Arme waren vom Kofferschleppen ausgeleiert, als ich die Gangway hochging. An Bord angekommen, musste ich mich erst mal zu meinem Ansprechpartner durchfragen. Der erste Steward, Hans Toll, sollte mich einweisen. Die Männer musterten mich, als ob sie sich fragten, was ich an Bord zu suchen hätte. Hans staunte nicht schlecht, als er eine so junge Kollegin vor sich fand, für die er die Einweisung zu übernehmen hatte. Er zeigte mir zunächst meine Kammer, in die ich meinen Koffer stellen konnte und nahm mich mit zur Offiziersmesse, die in den kommenden Monaten meinen Hauptarbeitplatz bilden sollte.

Ein Kommen und Gehen war auf den Gängen, ein Begrüßen und Verabschieden an allen Orten. In der Offiziersmesse angekommen, wies Hans mir nach einem kurzen Rundgang das Befüllen der Geschirrspülmaschine zu. Der erste Offizier kam vorbei, nahm mich in Augenschein und fragte:

„Sie sind die Stewardess Heike Schöning, gemustert für die nächsten zwei Reisen? Mein Name ist Langenhagen, ich bin der 1. Offizier dieses Schiffes. Sind Sie befahren?“

Als er mein Unverständnis von den Augen las, beantwortete er die Frage selbst:

„Aha, sind Sie unbefahren… Ich sehe schon, Sie können mit dem Begriff nichts anfangen. Unbefahren ist, wer noch nicht auf große Fahrt gegangen ist. Wären Sie bereits auf großer Fahrt gewesen, hätten Sie’s gewusst. Ihnen noch einen schönen Tag und alles Gute für Ihre erste große Fahrt.“

So zog er von dannen und ließ mich mit einer neuen Weisheit zurück. Eine Weile später kamen die ersten Männer in die Offiziersmesse zum Essen. Hans übernahm das Servieren am Kapitänstisch und zeigte mir kurz, welche Arbeiten ich an dem anderen Tisch zu übernehmen hatte.

Als ich in der ersten Pause in meine Kammer ging, traf ich die Kollegin, die in der Mannschaftsmesse den Service machte. Frau Weil war 58 Jahre alt und klärte mich mit wenigen Worten auf, sie sei auf dem Schiff, weil sie noch etwas von der Welt sehen wollte. So war es dann auch, an jedem Hafen organisierte sie sich ausreichend Landgang und verschwand in Richtung Ausgrabungsstätten, Museen, kulturelle Einrichtungen. Sie ging stets allein, beteiligte sich nicht am Bordleben und zog es vor in ihrer Kammer zu bleiben.

Am nächsten Tag, dem 12. Dezember 1978 sank der LASH-Carrier, die München, welches derselben Reederei gehörte wie die MS Heidelberg. Die darauf folgende Suchaktion wurde vom Funker an Bord an uns berichtet. Die Besatzung nahm regen Anteil an diesem Unglück. Der eine oder andere kannte Mitglieder der Besatzung. Keiner der Besatzung der München konnte gerettet werden. Die gesamte Mannschaft der MS Heidelberg war geschockt.

Um 06:00 Uhr begann mein Dienst, der Weckruf von der Wache kam 10 Minuten vorher. Länger brauchte ich nicht, um vom Bett in die Klamotten zu springen und einen Gang weiter einen Kaffee zu trinken, eine Zigarette zu rauchen und die morgendliche Dienstbesprechung mit Hans, dem ersten Steward, abzuhalten. Er erklärte mir die Aufteilung des Arbeitstags und die Verteilung der Pausen. Meine Uniform sollte ich zu den Mahlzeiten tragen, beim Reinigen was immer ich wollte.

Für das Servieren der Mahlzeiten der mittleren Dienstgrade und die Reinigung der Messe und Pantry war ich ebenso zuständig wie für das Reinigen von Kammern der mittleren Ränge. Die Kammern des Bordelektrikers, Bootsmanns, Ladeoffiziers, Offiziersanwärters, der Ingenieure sowie die Gemeinschaftstoiletten und ein Teilbereich der Gänge bildeten mein Putzrevier. Ich sollte Hans im Laufe der Reise noch so einige Male ins Erstaunen setzen, weil ich täglich die Gemeinschaftstoiletten reinigte und desinfizierte. Das hätte er zuvor noch nie erlebt. Nicht, dass dies eine bevorzugte Tätigkeit meinerseits gewesen wäre, allerdings war ich von Zeit zu Zeit selber Nutznießerin dieser Einrichtungen, es diente also dem reinen Selbstzweck.

Mein erster Hafen außerhalb Deutschlands war Amsterdam, der ausnahmsweise auf dieser Fahrt angelaufen wurde und Hans lud mich zum Essen in Amsterdam ein. Wir aßen in einem indischen Restaurant und ich fühlte mich schon sehr weltmännisch. Amsterdam klang für mich leicht verrucht. Schließlich fuhren die Bekannten aus meiner Heimatstadt für Haschisch oder eine Abtreibung hierher.

Offensichtlich gefiel ich Hans sehr gut. Es beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Er war mir mit seinen 33 Jahren viel zu alt und seine erotische Ausstrahlung empfand ich als penetrant. Er blieb die nächsten Monate mir gegenüber immer freundlich und hilfsbereit, aber konnte es letztlich nicht verstehen, dass ich ihm widerstand. Wo er doch zweifelsohne Qualitäten als Liebhaber hatte, die seinesgleichen suchten. Zumindest stellte er es in der einen oder anderen ruhigen Stunde so dar. Vielleicht hätte er sich bewusst machen sollen, dass vor dem Genuss die Attraktion kommt, ohne die der Genuss nicht eintreten kann.

Ich lernte alle Besatzungsmitglieder und die mitreisenden Ehefrauen schnell kennen. Es gab an Bord viele Treffen auf den Kammern einzelner Besatzungsmitglieder, bei denen reichlich getrunken und viel geraucht wurde. Von der Steuer befreit war der Genuss von Alkohol und Zigaretten so preiswert, dass es Sünde gewesen wäre, davon nichts in Anspruch zu nehmen.

Nach Amsterdam hatten wir noch einen Stopp in Le Havre und als weitere Besonderheit dieser Reise sollten wir vor Brasilien noch in Santa Cruz de Tenerife anlegen. Es sollte ein Mercedes gelöscht werden.

Auf meiner ersten Fahrt nach Brasilien war Hauptthema an Bord das Verschwinden des LASH Carriers, der München, die mitten auf dem Atlantik verschollen war. An Bord wurde die Besatzungsliste der München ausgehängt und die Seeleute schauten, mit wem sie schon gemeinsam gefahren waren. Großes Erstaunen und Unglaube darüber, dass dieses große Schiff wie von der Bildfläche verschwunden war, ging durch die Mannschaft. Im Laufe der Fahrt über den Atlantik kamen die Meldungen über einige wenige Überbleibsel der München, so dass sich keiner der Kenntnis verschließen konnte, dass die München untergegangen war.

Für mich war es sehr merkwürdig auf meiner ersten Fahrt mit dem Untergang eines Schiffes konfrontiert zu werden, das der Reederei gehörte, bei der ich angeheuert war. Die Richtigkeit meines Entschlusses ein Jahr zur See zu fahren, erfuhr ihren ersten Dämpfer. Der Respekt vor dem großen Wasser wuchs. Es war sehr viel Wasser ringsherum und keineswegs ein Lebensraum, in dem ich hätte lange überleben können. Also immer schön an Bord bleiben, nicht über die Reling fallen und keinen Schiffbruch erleiden, waren meine Mantren.

Als wir die Biscaya hinter uns ließen, hatten wir Seegang von achtern. Das Schiff rollte die drei Tage bis Tenerife wie eine überdimensionierte Wiege hin und her. Eigentlich eine besänftigende, angenehme Bewegung, nur nach einigen Stunden hätte es für mich auch vorbei sein können. Beim Laufen kam ich mir vor wie an schwer angetrunkener Seemann. Zu servierendes Essen oder das zu tragende Putzwasser in den Wiegebewegungen nicht frühzeitig zu verlieren, bedurfte einiger Ausgleichsbewegungen.

Beim Einschlafen war für mich denn so manches Mal nicht so genau zu erkennen, ob ich zuviel Bier getrunken oder die Schaukelei dafür verantwortlich war. Außerdem hob sich mein Magen gelegentlich im stillen Protest gegen den Dauerangriff auf die Gleichgewichtsorgane, behielt allerdings seinen Inhalt immer brav für sich, Gott sei Dank.

Als wir in den Abendstunden in Santa Cruz einliefen, nutzten einige unternehmenslustige Besatzungsmitglieder, mitreisende Ehefrauen und ich die Möglichkeit an Land einen Drink zu nehmen. Als wir in gemütlicher Runde zusammen saßen, wurde mir richtig übel. Ich saß still in meinem Stuhl und die Erde schwankte. Sie bewegte sich von rechts nach links und zurück. Ich hatte mich so an das Rollen gewöhnt, dass es mich bis auf das feste Land verfolgte.

Danach ging die Reise nach Belém weiter. Jede Nacht wurde die Uhr um eine Stunde zurückgestellt, was mir sehr gelegen kam, stand ich auf diese Art und Weise jeden Tag später auf. Auf See gab es eine große mit Folie ausgelegte Kiste, die uns mit frischem Meerwasser gefüllt als Swimmingpool diente. Sie war nur 1,50 m tief und 2 x 2 m im Quadrat, zum Abkühlen und für das Gefühl den großen Atlantik auf der Haut zu spüren, war sie gut genug.

Fantastisch waren die Sonnenauf- und –untergänge auf See. Keine Gebäude oder topografischen Erhebungen störten den Fernblick und die Farbenpracht konnte sich ringsherum frei entfalten. Je näher wir an die Tropen herankamen, desto farbenfreudiger wurden sie.

Ich hatte mir fest vorgenommen, die ersten Schritte auf dem für mich neuen Kontinent ohne ein Besatzungsmitglied zu gehen, damit mich keiner vom feierlichen Moment ablenken konnte. Leider liefen wir abends am 1. Weihnachtstag um 20:00 Uhr in Belém ein und es war stockfinster. Der Funker fragte mich an der Reling, ob ich immer noch alleine an Land gehen wollte. Natürlich wollte ich!

So ging ich dann, Berührung des ersten fremden Kontinents im Stockdunkeln. Auf dem Hafengelände gab es noch beleuchtete Wege, aber hinter der Absperrung war es finster und ich richtete meinen Blick auf die nächste Straßenbeleuchtung, die sich in 400 m Entfernung befand. Auf dem Weg dahin sprach mich zunächst ein Mann kurz an, ging zurück, wurde von einem anderen abgelöst, der gar nicht aufhörte auf mich einzureden und meine Schultern umfasste. Ich zischte ihn an und warf die Hand von meiner Schulter, steuerte die Straßenlaterne und die darunter befindliche Sitzbank an, auf der eine Frau mit zwei Kindern saß. Er wandte sich ab, ich war wieder allein und machte meinen Rundgang durch die Gassen zügigen Schrittes, eilte an Bord zurück, um gemeinsam mit anderen Besatzungsmitgliedern auszugehen, war einfach angenehmer im Dunkeln nicht allein zu sein.

Nach Belèm fuhren wir 3 Tage den gelben Amazonas hoch um in Manaus Ladung zu löschen und laden. Im Mündungsgebiet lagen die Ufer so weit voneinander entfernt, dass sie nur Striche am Horizont bildeten. Der Weg nach Manaus führte uns später auf Wasserwege, die uns so nahe an die Ufer brachten, dass ich die Blätter links und rechts deutlich erkennen konnten. Am meisten hat mich fasziniert als kurz vor Manaus der Amazonas und der Rio Negro aufeinander trafen. Das gelbe und das schwarze Wasser waren wie mit einem Lineal voneinander getrennt. Zwei verschiedenfarbige Wasserflächen stießen aneinander, als befände sich eine Glasscheibe zwischen ihnen. Als das Schiff durch diese Flächen hindurch fuhr, verwirbelte die Schiffsschraube die Farben in Blasen unterschiedlicher Größe und Farbe.

Sylvester in Manaus. An Bord sorgte die Klimaanlage für 27° C, der Landgang in Manaus gestaltete sich als Ausflug in die Dampfsauna. Ich war kaum die Gangway runter, da schwamm ich schon in meinem Saft. Temperaturen um die 40° C bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 95 % machten den Ausflug nicht gerade zu einem Vergnügen. Da half nur schnell eine Sitzgelegenheit zu finden und viel zu trinken.

Zu meiner Schande hatte ich im Gegensatz zu meiner Kollegin keine Bildungsstätten aufgesucht. Für eine Besichtigung der Oper in Manaus konnte ich mich ebenso wenig aufraffen wie für eine Stadtfahrt. Dabei hatten wir Liegezeiten von drei Tagen, was eine erkleckliche Anzahl im Vergleich zu anderen Liegezeiten werden sollte, die ich auf anderen Schiffen erlebte. Ich ging gerne mit Mannschaftskameraden oder mitreisenden Ehefrauen zum Feiern und Tanzen aus. Die Frauen in Brasilien konnten Samba tanzen und dabei ihre Hüften schwingen, dass mir ganz schwindelig wurde. Beim ihrem Tanz kochte die Luft, feucht war sie ja schon.

Ich liebte die Diskotheken, die Air Condition hatten, weil ich mich dort nicht im Zeitlupentempo bewegen musste, um keine Schweißströme fließen zu lassen. Gab es keine, tanzte ich trotzdem mit, weil ich jung, in der Ferne war, kein Wort verstand und das Leben um mich herum toben ließ.

Meine Erinnerung an die Landgänge vermischen sich heute, so dass ich nicht mehr genau weiß, wann ich wo genau war. Mit wem ich wohin gegangen war und wie die ganzen Lokale hießen, in denen wir uns niederließen. Es galt tagsüber den Job zu machen und abends auszugehen. Ich fand immer jemand, dem ich mich anschließen konnte. Landgänge allein hatte ich nachts keine mehr gemacht.

Auf dem Rückweg legten wir wieder in Belèm an, bevor die Fahrt über den Atlantik zurück nach Le Havre angetreten wurde. Auf der Höhe vor Cuxhaven rammte uns ein russischer Frachter, so dass die MS Heidelberg in Hamburg eine Woche ins Trockendock musste. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt gerade unter der Dusche, als ein scharfer Ruck durch die Aufbauten ging und meinen festen Stand erschütterte. Der laute Knall tat sein übriges, mich in Panik ausbrechen zu lassen. Mein erster Gedanke war, so ein Scheiß und nackt bin ich auch noch, wenn der Pott absäuft. Es war zwar eine heftige Delle in den Rumpf gedrückt worden, aber ich brauchte nicht um mein Leben zu fürchten.

Für mich bedeutete das Trockendock ein unverhoffter Kurzurlaub daheim. Die Schneekatastrophe zu Weihnachen, die Schleswig-Holstein heimgesucht hatte, war gerade bewältigt, die Straßen geräumt, als ich meine Familie und Freunde wieder sah. Lustigerweise schloss sich kurz nach meiner Abreise mit der MS Heidelberg die nächste Schneekatastrophe unmittelbar an. Diese beiden Ereignisse mit Fahrverbot für Normalbürger habe ich verpasst. Ich befand mich beide Male in tropischen Gewässern als in Schleswig-Holstein meterhohe Schneewehen ihr Unwesen trieben.

Nach der MS Heidelberg arbeitete ich auf der CTS Bremen Express und auf der CMS Mosel Express. Mit der Bremen fuhr ich von Hamburg, mit der Mosel von San Franzisko aus nach Süd-Ost-Asien. Wenn die ich Linien meiner Schiffe aneinander reihte, kam ich einmal um die Welt. Nach einem Jahr und 2 Monaten Seefahrt hatte mich das Landleben wieder zurück. Es war mit Sicherheit eine große Umstellung für mich, den Gesprächen an Land wieder folgen zu können.
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