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Alter Eigenwerk
von Vielfalt aus der Kategorie Freier Text - Menschen, Gesellschaft

Geschichten
Keine Ordnerbeschreibung vorhanden.
Erstellt:    09.06.2007 23:20
Geändert: 15.06.2007 19:50
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Letzte Woche war ich bei Frau Peters im Altenheim. Sie lebte seit 7 Jahren dort und ich hatte sie im Rahmen meiner Hospitation besucht. Sie war 96 Jahre alt, ihr Gesicht war glatt, die Lebensfurchen fehlten.

Sie begrüßte mich freudig und mit bestimmter Stimme stellte sie fest, dass sie mich nicht kannte. Ich erwiderte, dass ich vor drei Wochen schon einmal bei ihr gewesen war. Sie konnte sich nicht erinnern. Frau Peters erinnerte sich an keine ihrer 96 Jahre mehr, sie lebte schon lange in der Gegenwart.

Sie setzte sich beim Eintreten erfreut in ihrem Bett auf und ihr klare, gut akzentuierte Stimme, kombiniert mit den wachen Augen, ließen so leicht den Schluss zu, sie sei in der Lage, ihr Leben zu durchstreifen. Doch das Vergessen hatte sie im Griff.

So streifte sie mit wachen Sinnen durch die Gegenwart und liebte es, mir eine Geschichte mehrmals hintereinander zu erzählen, die ihr gerade in den Kopf kam. Wie eine Endlosschleife der Zeit oder ein Sprung in der Schallplatte ergossen sich ihre Worte über mich.

Ich fand mich diesmal gewappnet und einen Weg, die Wiederholungen zu vermeiden, indem ich neue Themen anbot, zu denen sie nach kurzem Innehalten andere Ereignisse der letzten Tage von sich gab. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, zu der ich keinen Zugang fand, auch wenn sie mich freundlich neben sich duldete. Ich war voller Bedauern, dass mir ihre reiche Lebensgeschichte verschlossen blieb, weil der Nebel des Vergessens sie fest umschlossen hielt.

Nach einer Stunde holte mich die Therapeutin aus Frau Peters Zimmer. Der Abschied gestaltete sich wie beim letzten Mal. Die Ankündigung des Gehens wurde mit dem Erzählen von Geschichten ignoriert, fast als wollte sie so viel wie möglich von sich geben, solange noch ein Mensch da war. Ihr Gesicht blieb weiterhin wach und freundlich, als wir den Raum verließen. Sie sprach noch, als wir Türe schlossen.

Woran wird sie sich erinnern, wenn ich sie das nächste Mal besuchen werde?
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