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Wenn Fremde sterben (inklusive Tippfehler) Eigenwerk
von Alfi aus der Kategorie Geschichte - Nachdenkliches, Ernstes

Standard-Verzeichnis
Primärverzeichnis von Alfi
Erstellt:    02.01.2007 01:41 1159 Lesungen, 8.0KB

Wenn Fremde sterben

eine Kurzgeschichte von Samuel Ruby



Unruhig kratzt mein Bleistift auf dem Papier, nur ganz leicht immer wieder so dass er
kaum einen Strich hinterlässt. Ich bin mir nicht sicher mit den Linien ich komme nicht
voran, etwas genervt streiche ich mir die Haare aus der Sichtlinie hinter mein Ohr.
Draußen ist es noch recht Dunkel, es schneit nicht sehr stark, nur ein wenig, und ich
spiegle mich in der Scheibe des Busses in welchem ich schon eine Weile sitze an
diesem Morgen. Ruhig betrachte ich diese Gestalt da im Fenster, die Lederjacke, Che
prangt auf ihrer Schulter wie ein Abzeichen, recht zerfleddert sieht sie aus, mir fällt auf
das ich vergaß meine Haare zu waschen, aber heute legte ich keinen Wert darauf. Mein
Blick fällt wieder auf das Blatt vor mir, das Bild will wohl nichts werden, ich versuche ein
paar Linien nachzuziehen, doch ein Schlagloch macht die Bemühung zunichte, mein
Augenmerk wandert zu dem Photo in meiner anderen Hand, es zeigt mich, mich und ein
Mädchen das ich nicht kenne, es ist eine Fotomontage, aus einem Bild meines letzten
Urlaubs und einigen die diese Fremde mir geschickt hat. Ich schaue zurück zu der
Zeichnung, sie sieht ihr nicht auf die Art ähnlich wie ich es gerne wollte. Die Tage habe
ich einen Brief erhalten, von eben diesem Mädchen, sie ist nicht das hübscheste
Mädchen das ich je auf einem Photo sah, und wahrscheinlich auch nicht das klügste,
aber sie ist die einzige Person die sich seit wir uns kennen eben jeden Tag bei mir
meldete. Ich bin sehr einsam in diesem Moment, ich bin oft sehr einsam, ich war immer
sehr einsam. Aber sie sie ist immer da, wir haben viel geredet über dies und das über
uns, und uns doch nie gesehen. Wir lernten uns, es ist schon einige Zeit herbei einem
Spiel kennen, dann folgten die E-Mails die Chats, und all das drum herum. Doch ich
habe sie nie gesehen und auch nie wirklich mit ihr gesprochen, aber vor ein paar Tagen
kam ein Brief, sie ist im Krankenhaus sie wird bald sterben. Ich sitze hier und zeichne,
ich hätte sie gern besucht doch ich kann nicht, sie würde mir nie sagen wo sie liegt, und
außerdem, ich muss hier sein, die Schule ruft, die Arbeit ruft. Ich habe erfahren das
jemand sterben wird, doch ich sitze hier wie jeden Tag, ich habe erfahren das jemand
sterben wird, doch ich weine nicht. Ich würde gerne Zuhause sitzen und weinen, doch
ich kann es nicht, kein Arbeitgeber, keine Schule gibt mir frei, um zu verwinden das
jemand sterben muss den ich eigentlich gar nicht kenne. Sie ist mir fremd, doch sie
sagte mir dass sie sterben muss, und ich bin traurig deshalb. Ich stecke Papier und Stift
in meine Tasche, ich kenne den Weg den der Bus fährt, er fährt ihn jeden Tag, und
gleich hält er an, wie jeden Tag. Es gibt ein Gedrängel, als würde der letzte im Bus
erschossen, wie jeden Tag, ich drängle mit hinaus, wie jeden Tag. Ich springe die
letzten beiden Stufen hinaus in eine Pfütze, mein Fuß wird nass, ich habe ein Loch im
Schuh doch ich versuche es zu ignorieren. Ich laufe über die Strasse, die Autos hupen,
ich fluche, wie jeden Tag. Ich habe erfahren dass jemand sterben muss, doch ich gehe
denselben weg. Ich habe erfahren dass jemand sterben muss, doch ich sage es den
Leuten nicht. Etwas langsamer sind meine Schritte heute, doch das sind sie stets wenn
ich nachdenken muss. Wann habe ich begonnen mehr zu fühlen, etwas für sie zu
empfinden, ich will es nicht an einem Satz festmachen doch ich weis es ist doch so. Ich
weis es denn es zerriss mir fast das Herz als wir gestritten hatten. Ich war nicht mehr
einsam als sie da war, ich fühlte mich nicht mehr allein. Ich war etwas wert, ich redete
gern, mir fiel stets etwas ein. Heut hab ich erfahren das jemand sterben muss, doch


trete ich durch eine Türe ein, lächle ich alle fröhlich an. Ich hab erfahren dass jemand
sterben muss, doch dienen muss jedermann. Ich spüre den Schnee auf meiner Haut
und fühle mich furchtbar verloren, die Ampel da vor mir bleibt ewig Rot als wolle sie nie
mehr anders sein. Heut Nacht hab ich kaum geschlafen, ich saß vor meinem Rechner
zu Haus, hoffte auf ihr erscheinen, vergebens. Ich habe noch viel zu sagen, aber keine
Zeit, und nicht mal die Chance sie zu sehen. Sie ist mir so fremd wie jeder hier auf der
Strasse, wenn ich das erste Mal ihre Augen sehe, und dennoch glaube ich liebe ich sie,
diese Fremde die sich für mich interessiert. Ich habe erfahren dass jemand sterben wird,
aber ich besuche sie nicht. Ich habe erfahren dass jemand sterben wird, aber ich kenne
sie nicht. Ich hab ihr mein Skizzenbuch geschickt, ich zeichne nicht gut, und auch nicht
sehr flink aber ich zeichne gern. Ich hab ein paar Seiten daraus gerissen, und Bilder von
ihr gemalt, nach Photos die ich von ihr hatte, die hab ich dann im Buch verteilt. So sieht
es so aus als wären sie schon ewig da gewesen, als hätte ich immer mal ein Bild von ihr
gemalt. Ich habe erfahren dass jemand sterben muss, doch die Welt lässt mich nicht los.
Ich habe erfahren dass jemand sterben muss, doch die Welt zwingt mich auf meinen
Weg. So gehe ich über die Strasse und denke darüber nach, am liebsten würde ich
stehen bleiben und warten ob ein Auto nicht bremst, dann würde ich sie bald wieder
sehen, und könnte sagen was mich bewegt. Doch das wäre so endgültig, es gäbe für
mich kein zurück, und so gehe ich schließlich weiter, und schäme mich doch dafür. ich
frage mich was soll ich tun nun bin ich wieder allein, und je mehr ich darüber nachdenke
desto weniger fällt mir ein. dann schüttle ich den Kopf, mein Blick fällt auf die Uhr, ich
komme schon wieder zu spät, fast will ich rennen da fällt mir etwas ein, was bin ich nur
für ein Mensch. Wie es für mich nun weitergeht darum sorge ich mich? Wie geht es wohl
ihr wie wird es ihr gehen darum sollten meine Gedanken sich drehen, ist sie nun allein,
oder hat sie wen, der für sie sorgt und an ihrem Bett nun sitzt? Ist mein Buch bei ihr
angekommen? Tut ihr etwas weh? Das ist es was heute zählt, und so muss ich doch
sehen es gibt doch wichtigeres als das wie es mir dann geht. Aber warum sehe ich nicht
warum gehe ich nicht, warum bin ich noch hier? Nicht nur ihr Wille bindet mich hier, es
ist das scheiß System, das mich hier fesselt, das mich nicht trauern lässt, mir nicht mal
die Zeit zum leiden gibt, die Zeit sie einmal zu sehen. Das System das mich in seine
Schranken presst, heut ist es mir einmal egal, wie viel Zeit haben wir noch, wann sind
wir dran zu gehen? Die Zeit in der alles wie immer ist, die ist für heut vorbei. Ich stehe
vor dem Schultor und ich weis, ich habe erfahren dass jemand sterben wird, heute ist
alles anders. Ich komme zu spät und will einer was dann hau ich ihm eine rein. Dann
schleift man mich zum Rektor, und kommt der mir blöd fängt er sich auch eine ein, und
holen sie die scheiß Bullen, dann leiste ich Widerstand. Wenn ich heut etwas sehe, das
ich gern haben will, dann klau ich es mir, wenn ich jemanden sehe, der mir so richtig
stinkt, dann sag ich es ihm. Heute da ist der Tag das zu tun was richtig ist. Ich werde sie
wohl niemals sehen, denn ich habe erfahren das sie sterben muss, doch ich zeichne ein
Bild von ihr das hänge ich in meinem Zimmer auf, oder der Zelle je nachdem. Ich will
nicht mehr tun was andere wollen dafür ist mir das Leben zu kurz. Ich bin nicht mehr
einsam, nicht mehr allein, du wirst immer da sein, ich schreib dir jeden Tag eine Mail, in
der wird immer dasselbe stehen. Ich sag es dir was ich eh hätte sollen, ich liebe dich
mein schatz. Sie ist keine Fremde sie war es nie, wir sind doch alle gleich. Eines Tages
wo auch immer du dann bist liest du es vielleicht, ich hoffe du freust dich dann, und noch
etwas später so hoffe ich komm dann vielleicht auch dort hin. Bis dahin lebe wohl, ich
hoffe s geht dir gut meine Fremde die doch keine ist.


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