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TANTRA - Erlebnisbericht von Martina O. Fremdwerk
von HLDirk aus der Kategorie Freier Text - Liebe, Erotik, Partnerschaft - Tantra

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Primärverzeichnis von HLDirk
Erstellt:    30.11.2006 09:07 5867 Lesungen, 11.7KB

Der Erlebnisbericht von Martina O.

Aus der Redaktion von "Connection" einer Tantra Zeitschrift.

„Ich fahre einfach los, vertraue meiner langjährigen Freundin, lasse mich darauf ein. Meine abgrundtiefe Angst kann mich nicht abhalten. Ich spüre, dass es Zeit ist, mein Herz zu öffnen. Trotzdem befinde ich mich in einem miserablen Zustand. Mein Kopf dröhnt. Tony, der fremde Mann, der mich mitnimmt, entpuppt sich als ein aufrichtiger, offener und zarter Mann, der mich liebevoll auf der Fahrt unterhält und betreut. Es stellt sich heraus, dass er an diesem Wochenende die Assistenz in der TANTRA Gruppe übernommen hat.
Um acht Uhr kommen wir endlich dort an. Marion, die zusammen mit Tony assistiert, empfängt mich sehr herzlich. Die Anderen sitzen bereits beim Abendessen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich in einer TANTRA Gruppe, und kenne niemanden, nur Tony ein bisschen von der längeren Fahrt. Das Essen schmeckt vorzüglich. Eine junge Frau ist für unsere vegetarischen Mahlzeiten zuständig. Auf dem Tisch vor der Küche stehen immer Tee und frisches Quellwasser, von dem wir soviel trinken können, wie wir wollen. Ich sitze verloren im Raum, fühle mich schäbig und mickrig. Alle kommen mir schön vor, jedenfalls viel schöner und viel besser als ich. Auf was habe ich mich hier bloß eingelassen? Wir gehen in den Seminarraum, der »Tempel« genannt wird: ein riesiger Raum mit großen Fenstern, edlem Parkettboden und einer gigantischen Stereo-Anlage. Auf der Erde in einer Ecke ein kleiner Altar: Blumen, Kerzen, eine Kobra aus Stein und ein meditierender Buddha. In der Mitte des Raumes liegen Matratzen im Kreis. Wir nehmen auf den Matratzen Platz. Jharna und Shantam >unsere Lehrer< öffnen die Runde. Sie betonen noch einmal: „ Es gibt keinerlei Grenzüberschreitungen. Jeder bestimmt, was er tut und lässt, jeder ist für sein Tun selbst verantwortlich. Jeder kann, wenn es ihm zu weit geht, sich ruhig zurückziehen – bitte ohne die anderen zu stören. Und es gibt keine sexuellen Vereinigungen während unserer Gruppenarbeit“.
Mut zur Angst
Vorstellungsrunde: Jeder nennt kurz seinen Vornamen und sagt einen Satz dazu, mit welchen Gefühlen, Hoffnungen und Erwartungen er/sie hier her gekommen ist. Ich bin nur nervös, mir ist inzwischen so flau im Magen, dass ich kotzen könnte. Die Erwartungen der Teilnehmer sind ganz unterschiedlich. Ich sehe in die Runde. Neun Männer und neun Frauen, die meisten sind mindestens fünfunddreißig bis vierzig, bis auf ein blutjunges Pärchen. Ich bin an der Reihe, kann kaum sprechen. „ Ich bin so verunsichert“ - sage ich „Ich kann auf nichts zurückgreifen, was mir sonst zur Verfügung steht. Ich habe nur Angst. Und ich brauche Hilfe“. Mir rollen die Tränen. Ich wünschte, jemand würde mich an die Hand nehmen und mir sagen, was ich tun soll, was richtig und was falsch ist. Ich bin wie ein hilfloses Kind. Eine junge Frau sieht mir tief in die Augen und weint mit mir. Shantam lächelt mir zu. „ Es ist sehr mutig, was Du hier tust, Martina“, sagt er zu mir. „ Sag uns, in welcher Form wir Dir helfen können. Wir sind alle für Dich da“. Nach der Vorstellungsrunde tanzen wir. Erst ganz langsam und vorsichtig mit geschlossenen Augen, jeder für sich. Ich spüre, wie sich ein paar meiner Verkrampfungen lösen, wie geschützt ich mich fühle – nicht sehen, nicht gesehen werden. Wir sollen die Augen öffnen, den Anderen, der uns begegnet, bewusst ansehen und einfach nur wahrnehmen. Es gibt nichts zu bewerten. Laura bleibt vor mir stehen, sieht mir tief in die Augen. Wir fangen an zu weinen. Tief in ihren Augen sieht sie unendlich traurig und verletzt aus. Es kommt mir vor, als kennte ich sie schon mein Leben lang. Wir umarmen und trösten uns. Ich merke, wie offen und zugänglich ich bin. Ich habe hier nichts zu verlieren. Alle wissen bereits, dass ich große Angst habe. Wir setzen uns, und es beginnt eine lange Meditationsübung. Wir fangen damit an, tief durch die Nase ein- und durch den Mund auszuatmen. Langsam zentriere ich mich. Alles verliert seine Bedeutung. Für eine Weile tauche ich ab, in eine andere Welt, die friedlich und unendlich ist. Ich fühle mich wie unter Wasser. Anschließend bin ich erstaunlich erholt, wenngleich meine Angst nicht verschwunden ist.
Der nächste Tag beginnt mit Yoga-Übungen und einer Meditation. Ich bin ruhiger als am Vorabend. Vorsichtig traue ich mich beim Frühstück jetzt sogar an das eine oder andere Gespräch. Dann gehen wir in unseren« Raum. Wir Frauen lassen uns von einem Mann wählen, mit dem wir die nächste Übung machen wollen. Werner zwinkert mir zu. Ich bin unendlich erleichtert. Werner, der Mann mit den schönen Augen, legt sich auf die Matte vor mich. In der Übung geht es darum, verschiedene Stellen des bekleideten Körpers zu berühren, zu halten, zu reiben, zu wippen und zu schaukeln, um auf diese Weise Verspannungen zu lösen. Es macht mir Spaß, Werner zu berühren, sein Lächeln und Wohlgefühl zu sehen, zu fühlen. Als ich an der Reihe bin, schließe ich die Augen und lasse mich einfach fallen. Werner kniet hinter mir und hält meinen Kopf in seinen Händen. Mir fließen die Tränen, weil ich plötzlich meine Sehnsucht nach Nähe und Halt spüre. Er beginnt, kräftig meinen Bauch und meinen Rücken, zu berühren und zu drücken. Dann beginnt er mein Becken zu schaukeln. Mit jedem Schwenk lasse ich die Kontrolle und meine Verkrampfung mehr los. Mein ganzer Rücken wird geschmeidig, Schmerzen und Verspannungen verschwinden. Ich fange an zu lächeln, zu lachen, zu quietschen, zu stöhnen. Nach der Übung lasse ich mich zudecken und bedanke mich bei Werner für seine gute Behandlung. Er strahlt mich an und dankt mir ebenfalls. Nach einem wunderbaren Mittagessen schlafe ich tief und träume wildes Zeug zusammen von Blut, Wasser und Tieren. Die Ankündigung des Abends liegt mir schwer im Magen. Es soll ein „Ritual“ geben mit Kundalini-Rückenmassage und anschließendem Einölen für die, die es wollen. Oh Gott. Mit wem soll ich das machen. Bestimmt finden mich alle Männer hässlich, dick und doof oder haben sogar Angst vor mir.
Überwindung
Der Nachmittag beginnt wieder mit einer Meditation. Ich bin unkonzentriert und tue mich schwer mit meinen einschlafenden Beinen. Ich kann meine Angst nicht beiseite schieben, überlege, ob ich das sogenannte „ Ritual“ vielleicht besser auslassen sollte. Die Frauen setzen sich jetzt in einen Innenkreis, und ein Mann setzt sich ihnen gegenüber. Begegnung zwischen Shiva (dem Mann) und Shakti ( der Frau), dem Männlichen und dem Weiblichen. Jens Dieter, der hagere Mann mit den gütigen Augen, wählt mich und setzt sich lächelnd vor mich. Ich freue mich, weil ich ihm irgendwie vertraue. Auch bei dieser Übung wird nicht gesprochen. Wir sehen uns lange an. Ich sehe, wie sich in seinen Augen Tränen bilden. Er sitzt einfach da, ganz aufrecht und bewegungslos. Und weint. Ich weine mit ihm. Dieser Mann, den ich gestern zum ersten Mal in meinem Leben gesehen habe, rührt mich zu Tränen. Er verneigt sich tief vor mir – mit einer Hochachtung, wie ich sie noch nie vorher erlebt habe. Wir verharren lächelnd Hand in Hand, bis wir unsere Augen schließen müssen und sich der nächste Mann vor mich setzt. „ Es ist ganz merkwürdig, was bei diesen Übungen passiert. Man lernt, den Anderen, egal, wer er ist, egal, wie er aussieht, einfach als Mann zu achten und zu respektieren“. Wir Frauen verneigen uns vor Shiva, dem Männlichen, der wichtigen Hälfte dieser Welt, die gleichzeitig auch Bestandteil von uns selbst ist. Und umgekehrt. Nach einem abermals köstlichen Abendessen beginnen die Vorbereitungen. Alle schrubben und duschen sich, dabei wird gelacht und rumgealbert, es wird gecremt und parfümiert. Alle ziehen frische und schöne Sachen an, tragen Gegenstände, die sie beim Ritual begleiten und beschützen sollen, zu ihren Matten. Es beginnt mit einer Meditation, um zu sich zu kommen und seine Mitte zu finden. Die Übungen helfen mir über meine Angst und Unsicherheit. Es kehrt so etwas wie tiefer Friede und ein Gefühl von großer Liebe ein. Diesmal wählen die Frauen die Männer. Ich habe zu Jens Dieter Vertrauen und würde das Ritual sehr gerne mit ihm machen. Britta kommt mir zuvor und schnappt ihn mir weg. Oh Gott, was soll ich nur tun? Ich sehe ihn verzweifelt an, auch er zuckt bedauernd mit den Schultern. Ich bin eine der letzten und wähle Werner noch einmal. Er scheint sich zu freuen. Wir setzen uns voreinander, singen gemeinsam ein Mantra und beginnen mit dem Ritual des Verneigens. Ich liebe diese Geste, weil sie mich wachsen lässt unter dem Schutz und der Achtung des Anderen und mir gleichzeitig die Möglichkeit gibt, meiner Achtung Ausdruck zu verleihen. Werner zieht sich aus. Sein ganzer Körper ist übersät mit Narben einer großflächigen Neurodermitis. Ich erschrecke für einen Augenblick. Er sieht mir gerade in die Augen und sein Blick bittet mich, ihn trotzdem zu achten. Ich hebe meinen Kopf und lächle. Ich achte ihn. Die Kundalini-Rückenmassage ist eines der wunderbarsten Dinge, die ich je körperlich erfahren habe. Dabei werden mit bestimmten Techniken Wirbelsäule und Kreuzplatte massiert, gerieben, betrommelt und mit heißem Atem verwöhnt. Es ist himmlisch! Auch diesmal ist Werner vor mir dran. Nach der Rückenmassage beginne ich damit, warmes Öl über seinen Rücken laufen zu lassen und es einzumassieren. Ich genieße es, ihn zu verwöhnen, fühle mich weiblich und stark. Wir lachen und atmen gemeinsam, er stöhnt genussvoll - und dann wieder albern - vor sich hin. Es geht nicht darum, jemanden aufzugeilen oder anzumachen, sondern ihn zu verwöhnen, weil er es wert ist verwöhnt zu werden. Dabei ist es wichtig wahrzunehmen, dass sexuelle Gefühle nur ein Teil des Ganzen sind, kein besserer oder schlechterer Teil. Der Mensch, der sich mir vorbehaltlos anvertraut, ist ein Mensch mit Seele, Geist, Herz, Verstand und Sexualität.
Befreiung
Als ich dann an der Reihe bin, werde ich fast verrückt vor Freude, Wonne, Lust, Hingabe, Geilheit und Dankbarkeit. Noch nie bin ich auf eine solch schöne Weise berührt und verwöhnt worden. Die Zeit steht still. Ich lache, heule, jaule, wimmere, stöhne, winde und drehe mich, und, was das Wichtigste ist: Ich fühle mich weiblich und schön. Alle meine Gedanken, ob ich zu dick, zu hässlich oder sonst wie nicht passend sein könnte, verschwinden. Ich spüre, wie viel Kraft die Liebe hat, die ich in mir trage und die ich der Welt gerne schenken möchte. Ich fühle mich unendlich befreit.
Das Ritual endet lange nach Mitternacht wieder mit dem Verneigen voreinander. Langsam bekomme ich eine Ahnung davon, dass sexuelle Begegnungen etwas Heiliges haben können, wenn sie begleitet und getragen sind von Achtung, Zuneigung und eigener Freiheit.
In der Abschlussrunde am Sonntag muss ich wieder weinen, aber diesmal vor Glück und Dankbarkeit, eine solch schöne und wertvolle Erfahrung gemacht zu haben. Ich verabschiede mich herzlich von allen und verbringe ein paar Minuten mit Jens Dieter in Stille. Er streicht mir kräftig über den Rücken und verneigt sich noch einmal tief vor mir. Ich genieße es, vor allem von einem Mann in den Arm genommen zu werden, einem Mann, der mich total verunsichert hat und von dem ich sicher war, dass er mich zum Kotzen fände. „Ich muss ein Stück von Deiner Liebe, Deiner Lebenslust und weiblichen Kraft mitnehmen, bevor ich nach Hause fahre“, sagt er beim Abschied zu mir, „ich habe mich nicht getraut, auf Dich zuzukommen, weil ich mir nicht schön und gut genug vorgekommen bin für eine Frau wie Dich“! Ich halte ihn ganz fest. Himmel, welch ein Geschenk. Und das gerade von ihm.
“Etwas ist angestoßen in mir, und es beginnt zu rollen. Unaufhaltsam. Ich muss diesmal gar nichts tun. Ganz von allein beginnt es zu wirken …“

Die hier beschriebene Tantra-Gruppe fand am "Institut für die tantrische Vision e.V."
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Denker            
HLDirk am 30.11.2006 09:21 (Ergaenzung)    3  
HLDirk
Meine erste Tantra-Erfahrung:

Ist genau so verlaufen, wie es Martina in dem Artikel beschreibt Das wirkliche Berührt werden beim Tantra, hat mich genau so betroffen gemacht, genau so berührt wie Martina. Ursache waren die sehr tief empfundenen, seelischen Erfahrungen - nicht das sexuelle Erlebnis. Sex ist nur ein Teil der tantrischen Lebenseinstellung.


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